242
VIII. Kap.: Hilfe von außenftehenden Kreifen
durch erhöhte Arbeitsteilung eher geftiegen. Indes fchwanken die Löhne
bei Mangel eines Mindeftlohntarifs mit der Konjunktur. Wie ein Lohntarif,
fehlt auch eine Regelung der Arbeitszeit. Diefe wird für eine Hauptkraft
auf täglich etwa 12 Stunden angegeben. Daneben werden zum Spulen Hilfs
kräfte, Kinder ufw., noch etwa 2 bis 3 Stunden befchäftigt. Neuere Spulma-
fchinen machen diefe jedoch überflüffig. Es kann bei kurzer Lieferzeit freilich
auch Vorkommen, daß ein Stuhl Tag und Nacht betrieben wird, wobei fich ge
wöhnlich zwei Weber ablöfen.
Nach den Erfahrungen eines Jahrzehnts fcheint die Einführung der
Elektrizität in die Waldgemeinden eine durchaus ftetige Entwicklung zu
zeitigen. Selbftverftändlich fteht die Heimarbeit hygienifch der Feld
arbeit nach und befördert auch, wo, wie vielfach noch auf dem
Schwarzwald, Arbeitsraum, Wohn- und Schlafftätte ein Raum find, die
Tuberkulofegefahr. Die Einführung der Elektrizität hat hier namentlich
durch Verdrängung der Petroleumbeleuchtung, durch Fortfall großer körper
licher Anftrengung wenigftens bedeutende Befferung gebracht. Die wirt-
fchaftlichen Folgen find vor allem in ihrer Rückwirkung auf die
Landwirtfchaft erfreulich, da diefe durch das geficherte Nebenverdienft lebens
fähig, durch die elektrifche Anlage vielfach gefördert wurde. Für die Induftrie
felbft brachte die neue Methode gleichmäßigere, beffere und damit auch ver
käuflichere Arbeit. Während aber aus dem Bergifchen einfachhin gemeldet
werden kann: ,,Durch Verwendung der Elektrizität haben fich nur Vorteile
ergeben. Eine Herabfetzung der Löhne ift dieferhalb nicht erfolgt“,
läßt fich dies von der Hotzenwälder Induftrie auf Grund der überzeu
genden Ausführungen Bittmanns nicht fagen. Im Gegenteil, wenn im
Schwarzwald die Meterlöhne mit der Zeit fanken und nur das Gefamt-
einkommen fich hielt, fo liegt die Urfache gerade im Lohndrücken der
oberrheinifchen Fabrikanten. Kommt der Weber nach Abzug der neuen
Unkoften auch wieder ungefähr zum alten Verdienft, fo ftreicht der Unternehmer
doch den Vorteil aus der gefteigerten Produktion faft völlig ein in Form von
Lohnerfparnis. Freilich pflegt dem Lohndruck ein Preisdruck auf dem Fuße
zu folgen. Mögen die jüngften Verhandlungen zwifchen den einzelnen deutfehen
Seidenbandfirmen hier eine Gefundung bringen. Dann erft wird fich der Band
wirker feines Elektromotors recht freuen können.
Eine andere Frage ift, ob neben dem Minimallohntarif auch eine Maximal
arbeitszeit zu fordern ift, wie fie im Anrather Bezirke durch zeitliche Befchrän-
kung des Rechtes auf elektrifche Kraft befteht. Die blühende bergifche In
duftrie kennt diefe Beftimmung nicht. Und doch wird hier zumeift wenigftens