Full text: Die deutsche Hausindustrie

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VIII. Kap.: Hilfe von außenftehenden Kreifen 
durch erhöhte Arbeitsteilung eher geftiegen. Indes fchwanken die Löhne 
bei Mangel eines Mindeftlohntarifs mit der Konjunktur. Wie ein Lohntarif, 
fehlt auch eine Regelung der Arbeitszeit. Diefe wird für eine Hauptkraft 
auf täglich etwa 12 Stunden angegeben. Daneben werden zum Spulen Hilfs 
kräfte, Kinder ufw., noch etwa 2 bis 3 Stunden befchäftigt. Neuere Spulma- 
fchinen machen diefe jedoch überflüffig. Es kann bei kurzer Lieferzeit freilich 
auch Vorkommen, daß ein Stuhl Tag und Nacht betrieben wird, wobei fich ge 
wöhnlich zwei Weber ablöfen. 
Nach den Erfahrungen eines Jahrzehnts fcheint die Einführung der 
Elektrizität in die Waldgemeinden eine durchaus ftetige Entwicklung zu 
zeitigen. Selbftverftändlich fteht die Heimarbeit hygienifch der Feld 
arbeit nach und befördert auch, wo, wie vielfach noch auf dem 
Schwarzwald, Arbeitsraum, Wohn- und Schlafftätte ein Raum find, die 
Tuberkulofegefahr. Die Einführung der Elektrizität hat hier namentlich 
durch Verdrängung der Petroleumbeleuchtung, durch Fortfall großer körper 
licher Anftrengung wenigftens bedeutende Befferung gebracht. Die wirt- 
fchaftlichen Folgen find vor allem in ihrer Rückwirkung auf die 
Landwirtfchaft erfreulich, da diefe durch das geficherte Nebenverdienft lebens 
fähig, durch die elektrifche Anlage vielfach gefördert wurde. Für die Induftrie 
felbft brachte die neue Methode gleichmäßigere, beffere und damit auch ver 
käuflichere Arbeit. Während aber aus dem Bergifchen einfachhin gemeldet 
werden kann: ,,Durch Verwendung der Elektrizität haben fich nur Vorteile 
ergeben. Eine Herabfetzung der Löhne ift dieferhalb nicht erfolgt“, 
läßt fich dies von der Hotzenwälder Induftrie auf Grund der überzeu 
genden Ausführungen Bittmanns nicht fagen. Im Gegenteil, wenn im 
Schwarzwald die Meterlöhne mit der Zeit fanken und nur das Gefamt- 
einkommen fich hielt, fo liegt die Urfache gerade im Lohndrücken der 
oberrheinifchen Fabrikanten. Kommt der Weber nach Abzug der neuen 
Unkoften auch wieder ungefähr zum alten Verdienft, fo ftreicht der Unternehmer 
doch den Vorteil aus der gefteigerten Produktion faft völlig ein in Form von 
Lohnerfparnis. Freilich pflegt dem Lohndruck ein Preisdruck auf dem Fuße 
zu folgen. Mögen die jüngften Verhandlungen zwifchen den einzelnen deutfehen 
Seidenbandfirmen hier eine Gefundung bringen. Dann erft wird fich der Band 
wirker feines Elektromotors recht freuen können. 
Eine andere Frage ift, ob neben dem Minimallohntarif auch eine Maximal 
arbeitszeit zu fordern ift, wie fie im Anrather Bezirke durch zeitliche Befchrän- 
kung des Rechtes auf elektrifche Kraft befteht. Die blühende bergifche In 
duftrie kennt diefe Beftimmung nicht. Und doch wird hier zumeift wenigftens
	        
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