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II. Kap.: Die Entftehung der Hausinduftrie
Als die Zuftände in den Tabakfabriken und Werkftätten als hoch ft unhygie-
nifch erkannt waren, erlie(z im Jahre 1888 der Bundesrat in befter Abficht Ver
ordnungen, die an Lage, Höhe, Befchaffenheit der Arbeitsräume beftimmte
Mindeftforderungen ftellten. Was war die Folge? Ein Unternehmer nach dem
andern löfte feine Tabakfabrik auf und gab den Tabak den Arbeitern in ihre
Wohnung. Denn entfprechende Räume hatte man nicht, und neue bauen
wollte man auch nicht; die Familienhaushalte aber wurden von den Bundes
ratsverordnungen nicht getroffen. In derfelben Richtung, auf Entvölkerung
der Fabrik und Vermehrung der Heimarbeit in der Tabakinduftrie, haben von
1878 an die an fich durchaus berechtigten Belaftungen der Induftrie durch
Zoll und Steuer, und weiterhin (1891) die Aus fehl ielzung der Kinder aus der
Fabrik gewirkt. Die Kinder wurden nun vom Fabrikanten in der Heimarbeit
befchäftigt, und ihre Heimarbeit zog oft die der Eltern nach fich. x )
Es kann auch als eine Rückentwicklung der Fabrik zur Hausinduftrie an-
gefehen werden, wenn der Fabrikant den größten Teil der Produktion in der
Fabrik vornehmen läjzt, gewiffe Teiloperationen aber, die für
die Hausindu|trie ebenfo oder noch mehr wie für den Fabrikbetrieb paffen,
den Hausinduftriellen zuweift. So erfolgt beifpielsweife das Zufchneiden von
Schäften ftets in der Schuhfabrik, auch die Bodenteile des Schuhs, Sohle und
Abfatz, werden in der Fabrik ausgeftanzt. Die Vereinigung aber von Schaft
und Boden gefchieht ebenfo in der Hausinduftrie als in der Fabrik. Erfterer
fällt fogar bei Zeugftoff- und Kinderfchuhen vorzugsweife oder gänzlich diefe
Aufgabe zu. Das Aufnähen von Rofetten und andern Zieraten, das Aus-
putzen, das dem Schuhwerk das gefällige Ausfehen verleiht, wird ebenfo faft
nur von Heimarbeitern beforgt. So ift in manchen Gegenden die hausinduftrielle
Schuhmacherei als Ergänzung der Fabrikarbeit durch die Schuhfabrik ins
Leben gerufen. 2 )
Überhaupt ift viel Hausinduftrie in Anlehnung an die Fabrik entftanden
überall da, wo die Fabrikate zur letzten Fertigftellung „mit nach Haufe ge
geben werden“.
Eine intereffante Rückbildung zur Hausinduftrie berichtet Bittmann aus
dem badifchen Schwarzwalde. 3 ) In Todtnau, Schönau und andern Orten hatte
fich feit dem Ende des 18. Jahrhunderts die hausinduftrielle Bürftenmacherei
entwickelt. In den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts konzentrierte fich
*) R. Meerwarth, Unterfuchungen über die Hausinduftrie in Deutfchland,
Jena 1906, 45 ff; R. W i I b r a n d t, Arbeiterinnenfchutz und Heimarbeit, Jena 1906,
53 ff. — 2 ) E. F r a n c k e, Oie Hausinduftrie in der Schuhmacherei Deutfchiands,
Sehr. d. V'. f. S. 37. 23 ff. — 3 ) B i 11 m a n n a. a. 0. 613 ff.