Full text : Die deutsche Hausindustrie

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Vorwort

Hält  man  nun  das  Stagnieren  der  Heimarbeiterlöhne  mit  dem  gleichzeitigen  Empor,
fchnellen  der  Lebensmittelpreife  zufammen,  fo  mag  man  auch  die  von  der  Reichstagstribüne ­
  gefallenen  Äußerungen  einiger  bürgerlicher  Abgeordneten  erklärlich  finden,
daß  die  Reallöhne  der  Heimarbeiter  in  den  letzten  Jahren  fogar  gefunken  feien.
Diefe  betrübende  Erfcheinung  kann  nun  nicht  allzu  großes  Staunen  erregen  und  darf
auch  nicht  als  Negation  des  Fortfehritts  in  der  Heimarbeiterfache  überhaupt  angefehen
  werden.  Die  öffentliche  Meinung,  die  fich  zugunften  der  Heimarbeiter  gewendet
hat,  kann  nicht  mit  einem  Schlage  höhere  Löhne  fchaffen.  Die  Gefetzgebung,  von  der
man  bei  dem  Verfagen  anderer  Faktoren  in  erfter  Linie  viel  erwartet,  arbeitet  langfam,
doppelt  langfam  in  einer  fo  fchwierigen  Materie.  Das  Hausarbeitgefetz,  das  mit  dem
1.  April  1912  in  Kraft  getreten  ift,  hat  noch  keine  Zeit  gefunden,  fich  ins  Volksleben
einzubürgern,  gefchweige  denn  Früchte  zu  tragen.  Selbfthilfe  und  andere  private
Reformarbeit  haben  auf  begrenzten  Gebieten  unftreitige  Erfolge  errungen,  aber  an  die
träge  Maffe  kommen  fie  fchwer  heran.  Wir  ftehen  im  Anfang  eines  langfam  und
fchwierig  zu  bewirkenden  Fortfehritts.  Der  Boden,  in  den  hoffnungsfreudig  die  Saat
eingefenkt  wurde,  war  hart  und  ungepflegt  feit  langer  Zeit;  da  darf  man  in  den  erften
Jahren  noch  keine  Ernte  erwarten.  Diejenigen  aber,  die  fich  zur  Reform  des  in  Theorie
und  Praxis  fchwierigen  Hausinduftrieproblems  zufammengefunden  haben,  füllen  durch
die  gegenwärtige  Lage  der  Dinge  fich  angefpornt  fühlen  zu  zähem  Fefthalten  am
Ziel  und  unverdroffener  Weiterarbeit.
Auch  diefe  Schrift  foll  ihr  Teil  beitragen  zu  diefer  Arbeit,  vor  allem  in  dem  Sinne,
daß  eine  vertiefte  Kenntnis  der  Hausinduftrie  als  Ganzes  und  ihrer  Stellung  im  Leben
des  Volkes  in  weitere  als  bloß  fachmännifche  Kreife  gelange  und  eine  breitere  Bafis
fchaffe  für  eine  fyftematifche  Sanierung  der  Zuftände.  Während  die  meiften  wiffenfchaftlichen
  Werke  über  dies  Thema  geographifch  oder  gewerblich  abgegrenzte  Spezialgebiete ­
  durchforfchen,  wird  hier  die  Hausinduftrie  als  Ganzes  behandelt  und  das
Typifche  aus  allen  Erfcheinungsformen  herausgegriffen.  Freilich  konnte  diefer  Verfuch
  nur  unvollkommen  gelingen.  Denn  gerade  in  der  Hausinduftrie,  die  fich  den  verfchiedenften
  Verhältniffen  im  gewerblichen  und  volkswirtschaftlichen  Leben  anzupaffen ­
  wußte,  weifen  die  einzelnen  Zweige  außerordentliche  Verfchiedenheiten  hinfichtlich
  der  Organifation  der  Arbeit,  der  fozialen  Verhältniffe  und  der  Geftaltungstendenzen
  auf.  Auch  in  dem  praktifchen  Teil  der  Schrift  (Kapitel  VI—VIII)  wurde
—  trotz  ähnlicher  Schwierigkeiten  das  Hauptgewicht  auf  die  allgemeinen  Richtlinien ­
  gelegt,  die  für  eine  praktifche  Detailarbeit  überall  maßgebend  fein  müffen.
Wenn  dem  Verfaffer  auch  bei  der  erften  Auflage  dieffelbe  Abficht  vorfchwebte,
fo  ift  die  Schrift  doch  um  mehr  als  das  Doppelte  erweitert  und  in  verfchiedenen  Abfchnitten
  völlig  umgearbeitet.  Die  Theorie  der  Hausinduftrie  habe  ich  in  manchen
Punkten,  den  Winken  einer  wohlwollenden  fachlichen  Kritik  zur  erften  Auflage
folgend,  etwas  gründlicher  und  ausführlicher  behandelt.  Befonders  in  dem  praktifchen
Teil  erwies  fich  eine  Änderung  in  mehrfacher  Hinficht  als  notwendig.  Verfchiedenes,
was  vor  einigen  Jahren  noch  unter  dem  Gefichtspunkte  einer  lex  ferenda  erörtert
wurde,  ift  inzwifchen  zur  lex  lata  geworden.  Andere  Reformvorfchläge  haben  teils
im  Leben,  teils  in  der  Idee  feftere  Geftalt  gewonnen  und  verdienten  deshalb  eine  eingehendere ­
  Befprechung.
Was  mir  das  Bewußtfein  gibt,  nicht  ganz  vergebens  zu  arbeiten,  ift  das  Vertrauen
            
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