§ I. Verteilung der Hausinduftrie
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Weit mehr hervor ftechend als die Heimarbeit der altern Leute ift die
Kinderarbeit auf diefem Gebiete. Die Berufs- und Gewerbezählung
läfzt uns nun bezüglich der hausinduftriellen Kinderarbeit, wie überhaupt be
züglich der Kinderarbeit fo gut wie ganz im Stich. Sie berückfichtigt nur die
im „Hauptberuf“ gewerblich tätigen Kinder und hat mit der Scheu der meiften
Eltern zu rechnen, ihre mitverdienenden Kinder alle aufrichtig anzugeben.
— Viel eher kann auf eine annähernde Richtigkeit Anfpruch erheben die vom
Reichskanzler Fürften v. Hohenlohe 1898 angeordnete Erhebung über
die außerhalb der Fabrik gewerblich tätigen Kinder,
die in den meiften Staaten durch die Volksfchullehrer (ganz unabhängig
von den Angaben der Eltern) erfolgte. 1 ) Die Zählung ergab, da|z im ganzen
Deutfchen Reiche 306 823 Kinder außerhalb der Fabrik in der Induftrie be-
fchäftigt waren. Ein Blick in die Verteilung diefer Kinder auf die verfchiedenen
Berufsarten und geographi fchen Bezirke belehrt uns fofort, dafz jene Berufs
arten und jene Bezirke die höchften Zahlen von arbeitenden Kindern auf
weifen, die auch von der Hausinduftrie am ftärkften durch fetzt find, dafz
alfo auf die Hausinduftrie ein fehr grofzer Teil jener
induftriell befchäftigten Kinder entfällt. So find zu
Arbeiten in der Spinnerei und Weberei, insbefondere zum Spulen herangezogen
79 138 Kinder, und zwar vorwiegend in Schlefien, Rheinland, Königreich und
Provinz Sachfen, alfo in den alten Gebieten der Hausweberei. Arbeiten in
der Strickerei und Wirkerei müffen 12 163 Kinder leiften, am ftärkften in der
Provinz Sachfen, in Württemberg und Elfafz-Lothringen; die Häkelei und
Stickerei befchäftigt 22 149 Kinder, vor allem in Sachfen und Elfajz-Lothringen,
die Pofamentenfabrikation 26 691 faft ausfchliefzlich im Königreich Sachfen
und in Sachfen-Coburg-Gotha, die Tabakfabrikation 22 668, vornehmlich in
Weftfalen, im Königreich Sachfen und in Baden, die Näherei, Schneiderei
und Konfektion 11 103 Kinder, namentlich in der Stadt Berlin und im König
reich Sachfen. Insbefondere find in der Spielwareninduftrie viele Kinder be
fchäftigt, und da diefe ganze Branche vorwiegend auf der Hausinduftrie beruht,
fo dürfen wir ficher fein, da|z die Mehrzahl von ihnen hausinduftriell tätig
ift. So bildet das „Drücken und Formen der Maffe bei der Verfertigung von
Spielwaren aus Papiermache“ für 1131 Kinder die tägliche Arbeit, die Verferti
gung von Spielwaren aus Leder, Bällen und Puppen für 959, die Verfertigung
von Holzfpielwaren für 3035 Kinder. Aus dem Kreife Sonneberg (im Meininger
Oberland), wo die Spielwareninduftrie hauptfächlich zu Haufe ift, erwähnen
J ) Vgl. K.»A gahd, Kinderarbeit und das Gefetz gegen die Ausnutzung kindlicher
Arbeitskraft in Deutfchland, Jena 1902, 35 ff; ferner Vierteljahrshefte zur Statiftik
des Deutfchen Reiches, 1900, 3. Heft