78 IV. Kap.: Wirtfchaftliche und foziale Zuftände in der Hausinduftrie
oder find fie überhaupt nicht da, fo find höhere Löhne nichts Seltenes: ein Be
weis, daß nicht die „Profitwut“ der Unternehmer allein für die Not der Heim
arbeiter verantwortlich zu machen ift.
Die fachlichen, in der volkswirtfchaftlichen Stellung der Hausinduftrie
begründeten Lohnfaktoren werden in ihrer ungünftig wirkenden Tendenz
noch verftärkt durch dieperfönlichenVerhältni ffeder Heim
arbeiter felbft. Ein gewiffes Überangebot der Arbeits
kräfte legt die Lohngeftaltung auf dem Arbeitsmarkt vieler Hausinduftrien
von vornherein auf einem tiefen Niveau feft. In der Großftadt find es die un
aufhörlich zuwandernden Maffen von ungelernten Arbeitern und, was das
fchlimmfte ift, von noch viel mehr Arbeiterinnen, in den unwirtlichen ländlichen
Gegenden ift es die überfchüffige, auf der heimatlichen Scholle verbleibende
Bevölkerung, die dem hausinduftriellen Unternehmer ein ftarkes Angebot
von Kräften zur Verfügung ftellt. An einer ftarken umfaffenden Organifation,
die das Arbeitsangebot verteilte und mäßigte und auf die Geftaltung der Löhne
einen maßgebenden Einfluß ausübte, fehlt es faft überall. So können denn hier
die „Gefetze“ von Angebot und Nachfrage ungehindert in Kraft treten. Im
freien Spiel der Kräfte wird die fchwache Heimarbeiterfchaft auch unwürdige
Lohnbedingungen notgedrungen annehmen.
Zu bemerken ift jedoch, daß der fchädigende Einfluß des Überangebots
von Kräften faft ausfchließlich in Induftrien wirkfam ift, die auf unge
lernter Arbeit beruhen. Wo eine gewiffe Ausbildung erfordert wird,
ift das Angebot geringer und der Lohn entfprechend höher. Die Lohnftatiftik
ergibt einen auffallenden Unterfchied für die Damen- und Herrenkonfektion.
Nach einer vom Gewerkverein der Heimarbeiterinnen veranftaltcten Erhebung
verdienen in der Damenkonfektion 33 Prozent der Heimarbeiterinnen in der
Stunde weniger als 15 Pf., 34 Prozent 15 bis 20 Pf. und 33 Prozent über 20 PL
In der Herrenkonfektion dagegen erhalten 57 Prozent unter 15 Pf., 30 Prozent
15 bis 20 Pf. und nur 13 Prozent über 20 Pf. Das ift in etwa dadurch erklärt,
daß in der Herrenkonfektion nur die minderwertigen Qualitäten in der Heim
arbeit hergeftellt werden, in der Damenkonfektion bis hinauf zu den höchften
Qualitäten. Die erwähnte Statiftik ftellt auch fonft einen auffallenden Parallelis
mus zwifchen Ausbildung und Stärke des Angebots einerfeits und Lohnhöhe
anderfeits feft. Die Trikotnäherei zahlt an 57 Prozent der Arbeiterinnen
weniger als 15 Pf. Stundenlohn, nur an 9 Prozent mehr als 20 Pf. Sie erfordert
aber auch nur eine ein- bis vierwöchige Ausbildung. In der Wäfche-
und Schürzennäherei findet man die oberfte und unterfte Lohnklaffe verhält
nismäßig ftark vertreten. Dem entfpricht der Ausbildungsgrad: neben einer