Full text : Die deutsche Hausindustrie

§  2.  Lohnverhältniffe

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von  andern  ökonomifchen  und  ethifchen  Tendenzen  durchkreuzt  werden
kann.  Am  ftärkften  kommt  er  zur  Auswirkung,  wo  die  Hausinduftrie  in
direkter  Konkurrenz  mit  der  modernen  Fabrik  fteht.
Da  gerät  der  Verlagsbetrieb  in  folche  Bedrängnis,  daß  er  fich  nur  noch  auf  der
Bafis  geringfter  Löhne  halten  kann,  bis  er  gänzlich  untergeht.  Diefen  allmählichen ­
  Abfterbeprozeß  kann  man  feit  Jahrzehnten  in  der  Spinnerei  und  Hausweberei, ­
  jetzt  auch  in  der  Mafchinenftrickerei  beobachten.
Ebenfo  verhängnisvoll  wie  die  konkurrierende  Fabrik  können  auf  den  einzelnen
  Verlag  fremdeVerleger  wirken,  die  durch  gewiffenlofe  Preisund
  Lohndrückerei  den  ganzen  Induftriezweig  zwingen,  auf  den
tiefften  Lohnfatz  herabzugehen,  wenn  fich  der  Betrieb  überhaupt  noch  rentieren
foll.  Die  anftändige  Gefchäftswelt  hat  fich  diefer  Schmutzkonkurrenten
bisher  aus  eigner  Kraft  nicht  erwehren  können.  Bezeichnend  ift,  daß  diefe
Konkurrenz  weniger  vom  Auslande  als  vom  Inlande  zu  befürchten  ift.
Wenigftens  find  in  den  eigentlichen  Elendsinduftrien,  wie  Konfektion  und
Spielwarenherftellung,  die  Deutfchen  als  die  billigften  Produzenten  auf  dem
Weltmarkt  bekannt.
Damit  ift  ein  weiteres  Moment  berührt,  das  auf  die  Lohngeftaltung  einen
hemmenden  Einfluß  ausübt:  der  von  den  breiten  Volksmaffen  ausgehende
Zwang,  minderwertige  Stapelartikel,  namentlich  in  der
Bekleidungsinduftrie,  in  großer  Menge  herzuftellen.  Es  ift  eine  von  Kaufleuten ­
  wie  von  Berichten  der  Handelskammern  bezeugte  Tatfache,  daß  bei
geringen  Qualitäten  Preisauffchläge  fchwer  durchzufetzen  find;  denn  folche
Waren  werden  meiftens  von  Leuten  gekauft,  die  mit  dem  Pfennig  zu  rechnen
haben.  Lohnerhöhungen  für  die  Herftellung  diefer  Waren  ftoßen  natürlich
auf  diefelben  Schwierigkeiten.  Außerdem  ift  —  und  dies  ift  das  wichtigfte
Moment  —  in  den  untern  Qualitäten,  wo  Stoff  und  Zutaten  gering  find,  die
Quote  des  Arbeitslohnes  an  den  gefamten  Produktionskoften  verhältnismäßig
groß.  ^Die  überragende,  ja  ausfchlaggebende  Bedeutung  des  Produktionsfaktors ­
  Arbeit  tritt  hier  außerordentlich  fcharf  in  die  Erfcheinung,  indem  jede
Preisveränderung,  jede  Koftenerfparnis  in  der  Bewertung  der  Arbeit,  im
Lohn  zum  Ausdruck  kommt.  x )
All  diefe  fachlichen  Lohnmomente  find  dem  Gewinnftreben  der  Unternehmer
und  Zwifchenmeifter,  das  ohnehin  fehr  leicht  in  den  Fehler  -  iner  geringen
Entlohnung  fällt,  zu  Hilfe  gekommen  und  haben  die  niedrigen  Heimarbeitslöhne ­
  mit  verurfacht.  Können  die  Lohnfaktoren  ihre  Kraft  nicht  ganz  entfalten,
*)  Vgl.  Kt  0  a  e  b  e  1,  Die  Lage  der  Heimarbeiterinnen  37;  E.  Schmidt,
Arbeitslohn  und  Produktionstechnik  in  der  Heimarbeit,  „Zeitfchrift  für  Sozialwiffen-(chaft“
  1912,  851  ff.
            
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