§ 2. Lohnverhältniffe
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z. B. durch Zuführung elektrifcher Kraft, fo daß der von oben ausgehende
Druck nicht mehr ausfchliefzlich auf den einen Punkt der menfchlichen Arbeit
konzentriert zu werden braucht. Die Schmutzkonkurrenz gewiffer Verleger
kann eingefchränkt werden (Veröffentlichung der Lohnliften). Die ftarke
Nachfrage nach minderwertigen Erzeugniffen kann durch Beeinfluffung
der Mode und Käuferfitten gemildert werden (Konfumentenmoral). Weiter
hin find jene Tendenzen kräftig zu unterftützen, die dem Lohndruck ent
gegenwirken, an erfter Stelle die fachliche Ausbildung der Heimarbeiter. Die
Berufsorganifation ift als felbftbewußte Gegenwehr in der Lohnbewegung
um fo mehr zu fördern, als fie in vielen Fällen die vorhandenen Möglichkeiten
einer Hebung erft zur Wirklichkeit umgeftaltet. Sie gibt auch erft dem un-
fcheinbaren, aber unleugbar vorhandenen Einfluß des Lohnminimums den
gehörigen Nachdruck. Immer bleibt eine wichtige Vorausfetzung zur Lohn
reform der Wille des Unternehmers, der den ftarken Reizen zu einer Lohn-
fenkung in der Hausinduftrie nicht immer widerfteht. Er kann beeinflußt
werden durch ethifche und foziale Kräfte. Schließlich aber muß — nach der
Erfahrung der verfchiedenften Länder — hinzukommen die beugende Macht
des Gefetzes, die am ftärkften zum Ausdruck kommt in Lohnämtern mit
Zwangscharakter.
Wenn wir nunmehr zu einer detaillierten zahlenmäßigen
Schilderung der Heimarbeitslöhne übergehen, fo foll kein
Gefamtbild der Lohnverhältniffe geboten werden. Das wäre mangels einer um-
faffenden und zuverläffigen Statiftik unmöglich. Zudem würde es bei den großen
Abftänden der Löhne von Induftrie zu Induftrie und innerhalb derfelben In-
duftrie einen Raum beanfpruchen, der weit über den Rahmen diefer Schrift
hinausginge. Wir haben vor allem folche Lohnangaben gewählt, welche die
Reformbedürftigkeit der Hausinduftrie deutlich dartun. Wenn das Bild in-
folgedcffen etwas trüber geworden ift, als es im Dienfte ruhiger Objektivität
gerechtfertigt erfcheint, fo bemerken wir von vornherein, daß es auch in der
Hausinduftrie auskömmliche, ja fehr gute Löhne gibt, von 5 und 6 M., z. B.
für Qualitätsprodukte in der beffern Konfektion und in der Portefeuille-
induftrie. Sie beweifen eben, daß auch in der Heimarbeit niedrige Löhne
keine abfolute Notwendigkeit find. Aber fie find in der Minderheit. Ihr natür
liches Gepräge erhält die Heimarbeit durch niedrige Löhne, zumal diefe für
ganze Voiksfchichten, ganze Gegenden, ja ganze Zweige der Hausinduftrie
oft typifch find.
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Beginnen wir mit der Konfektionshausinduftrie. Hier
bezüglich der Lohnfätze ins reine zu kommen, ift außerordentlich fchwierig.
Koch 2 , Die deutfehe Hausinduftrie 6