Full text: Die deutsche Hausindustrie

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IV. Kap.: Wirtschaftliche und foziale Zuftände in der Hausinduftrie 
Die Höhe des Lohnes fchwankt in den verfchiedenen Zeiten des Jahres zwifchen 
weit auseinanderliegenden Zahlen. Diefe Unregelmäßigkeit der 
Entlohnung, die in fehr vielen Hausinduftrien (den fogenannten Saifon- 
induftrien) typifch ift, bedeutet für die einfachen, von der Hand in den Mund 
lebenden, nicht rechnenden und die Zukunft wenig überfchauenden Leute 
eine große Gefahr. Auf die Zeiten auskömmlicher Löhne und einer unver 
nünftig verfchwenderifchen Lebenshaltung folgen Tage des Darbens und 
Hungerns. Es gibt eben in der Konfektion, wie überhaupt in den Saifon- 
induftrien, eine Zeit der Hochfaifon, der mittlern Befchäftigung, des flauen 
Gefchäftsganges und auch eine arbeitslofe Zeit. Die wöchentliche Einnahme 
ift daher auch für die Hausinduftriellen fehr verfchieden. Einen ziemlich ftabil 
bleibenden Wochenlohn oder Tagelohn zu konftatieren ift unmöglich, zumal 
da in der Hausinduftrie (abgefehen von den Werkftattarbeitern) naturgemäß 
Zeitlöhne feiten find und meiftens Akkordlöhne angetroffen werden. Am 
anfchaulichften wird noch das Lohneinkommen zum Verftändnis gebracht, 
wenn man die wöchentlichen Löhne von verfchiedenartigfter Höhe zu einem 
Jahresverdienft addiert. Dabei hat man zu unterfcheiden zwifchen Werkftatt- 
arbeit und Heimarbeit. Hans Grandke hat nun durch Erhebungen in Berlin 
bei 29 Werkftattarbeiterinnen der beliebigften Art feftgeftellt, 
daß ihr Jahreseinkommen fchwankt zwifchen 191 und 
682 M., und der Durch fchnitt des Nettoeinkommens 386,06 M. 
beträgt! Bei 24 H e i m a r b e i t e r i n n e n der verfchiedenften Art kam er 
zu dem Refultat, daß der Jahresverdien ft fchwanktzwi fchen 
8 4 u n d 5 1 2 M., daß demnach das durch fchnittliche Jahres 
einkommen (ich bei ihnen auf 309,40 M. ftellt! — Die 
vom Berliner Einigungsamt wie von der Kommiffion für Arbeiterftatiftik 
angeftcilten Erhebungen ergeben mit geringen Differenzen ähnliche 
Refultate. : ) 
Grandkes Erhebungen liegen etwa 20 Jahre zurück. Aber die Verhält- 
niffe haben fich feitdem nicht gebeffert. Wilbrandt führt im Jahre 1906 noch 
folgende Typen aus der Berliner Konfektion vor: * 2 ) Eine Frau näht Nacht- 
jacken, bekommt für das Dutzend 1,30 M., wovon die Auslagen für Garn und 
Nähmafchine abzurechnen find, und verdient dann nur 10 M. in der Woche, 
wenn fie von früh 1^7 Uhr oft bis %12 Uhr nachts näht und die Haushalts- 
') Vgl. H. Grandke, Berliner Kleiderkonfektion, Sehr. d. V. f. S. 85, 244 ff- 
— Die auffallenden Schwankungen in den jährlichen Lohneinkommen find zu erklären 
aus der verfchiedenen täglichen Arbeitsdauer und der ganz verfchiedenen Gefchick- 
lichkeit und Rührigkeit der einzelnen. 
2 ) Wilbrandt, Arbeiterinnenfchutz und Heimarbeit 22.
	        
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