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IV. Kap.: Wirtfchaftliche und foziale Zuftände in der Hausinduftrie
von Haarnetzen, Ballnetzen ufw.) ift der Verdienft äujzerft gering: eine ge-
fchickte und fleijzige Arbeiterin verdient bei 12- bis 14ftündiger Arbeitszeit
höchftens 50 Pf. im Tage. Eine Handfchuhmacherin kommt bei derfelben
Arbeitszeit auf höchftens 90 Pf. bis I M.
Diefe geringen Lohnfätze in den Taunusdörfern wurden neuerdings im
wefentlichen durch die Frankfurter Heimarbeitausftellung beftätigt. Da ift
doch der Zweifel berechtigt, ob die urfprünglich beftgemeinte Abficht bei
Einführung der verfchiedenen Hausinduftrien, die Erwerbsverhältniffe auf
dem Taunus zu verbeffern, in genügendem Grade erreicht ift. x )
In den Hauptgebieten der fäch fi fchen Spielwarenindu ftrie
beträgt der Wochenlohn der Heimarbeiter durchfchnittlich 6 bis 16 M„ ein-
fchliefzlich der Familienglieder 9 bis 22 M. Dabei beläuft fich die tägliche Ar
beitszeit in der Regel auf 11 oder 12 Stunden. Beffer ftehen fich nur jene Ar
beiter, die befondere Artikel fertigen. So kann in der Papiermachefabrikation,
wo die zu verarbeitende Maffe billig ift, bei hervorragender Gefchicklichkeit
ein Lohn von 30 M. erzielt werden. — Frauen erreichen trotz eifriger Arbeit
oft kaum die Hälfte des Männerverdienftes. Das Durchfchnittseinkommen
beläuft fich für fie auf 300 bis 400 M. im Jahre. Heimarbeiterinnen kommen
Hood in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts die Zuftände des manchefterlichen
Englands geifreite. In dem Liede heifzt es:
Mit Fingern mager und müd,
Mit Augen fchwer und rot,
In fchlechten Hadern fa|z ein Weib,
Nähend fürs liebe Brot.
Auffah fie wirr und fremde,
In Hunger und Armut flehentlich
Sang fie das Lied vom Hemde. —
Schaffen! Schaffen! Schaffen!
Sobald der Haushahn wach!
Und Schaffen! Schaffen! Schaffen!
Bis die Sterne glühn durchs Dach!
O, lieber Sklavin fein
Bei Türken und bei Heiden,
Wo das Weib keine Seelezu retten hat,
Als fo bei Chriften zu leiden!
Schaffen! Schaffen! Schaffen!
Bis das Hirn beginnt zu rollen!
Schaffen! Schaffen! Schaffen!
Bei Dezembernebel fahl,
Und Schaffen! Schaffen! Schaffen!
In des Lenzes fonnigem Strahl,
Wenn zwitfchernd fich ans Dach
Die erfte Schwalbe klammert,
Sich fonnt und Frühlingslieder fingt,
Da|z das Herz mir zuckt und jammert.
O draufzen nur zu fein,
Wo Viol und Primel fpriefzen,
Den Himmel über mir
Und Gras zu meinen Füfzen!
Zu fühlen wie vordem,
Ach! Eine Stunde nur,
Eh noch es hiefz: ein Mittagsmahl
Für ein Wandeln auf der Flur! — —
Mit Fingern mager und müd.
Mit Augen fchwer und rot,
In fchlechten Hadern fafz ein Weib,
Nähend fürs liebe Brot.
Stich! Stich! Stich!
Auffah fie wirr und fremde,
In Hunger und Armut flehentlich —
O fchwäng es laut zu den Reichen fich!
Sang fie das Lied vom Hemde.
*) W. Fuchs, Die Hausinduftrie und verwandte Unternehmungsformen auf
dem Taunus. Sehr. d. V. f. S. 84, 118—124: P. A r n d t, Die Heimarbeit im rheinifch-
mainifchen Wirtfchaftsgebiet II.