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Vorrede.
schränkt, das ihm wie eine zweite unabhängige und unabänderliche
Wirklichkeit gegenübertritt. Die Illusion, auf Grund deren wir
die subjektiven Empfindungen der Sinne den Gegenständen selbst
anheften, wird von der Wissenschaft Schritt für Schritt beseitigt:
aber an ihrer Stelle erhebt sich die nicht minder gefährliche
[lusion des Begriffs. Wenn die „Materie“ oder das „Atom“
ihrem reinen Sinne nach nichts anderes bedeuten wollen, als die
Mittel, kraft deren der Gedanke seine Herrschaft über die Erschei-
nungen gewinnt und sichert, so werden sie hier zu selbständigen
Mächten, denen er sich zu unterwerfen hat.
Erst die kritische Analyse, die den inneren gesetzlichen Auf-
bau der Wissenschaft aus ihren Prinzipien aufhellt, vermag
diesen Dogmatismus der gewöhnlichen Ansicht zu entwurzeln.
Was dieser als ein selbstgenügsamer und fest umschränkter In-
halt gilt, das erweist sich jetzt als eine intellektuelle Teilbedin-
gung des Seins, als ein einzelnes begriffliches Moment, das erst
im Gesamtsystem unserer Grunderkenntnisse zu wahrer Wirksam-
keit gelangt. So notwendig und unumgänglich indes diese rein
logische Auflösung ist: so schwierig ist sie zugleich. Gerade an
dieser Stelle darf daher die systematische Zergliederung der Er-
kenntnis die Hilfsmittel nicht verschmähen, die die geschicht-
liche Betrachtung ihr allenthalben darbietet. Ein Hauptziel, dem
die inhaltliche Kritik der Prinzipien zustrebt, lässt sich in ihr fast
mühelos und in voller Klarheit gewinnen: das Trugbild des „Ab-
soluten“ verschwindet hier von den ersten Schritten an von selbst.
Indem wir die Voraussetzungen der Wissenschaft als geworden
betrachten, erkennen wir sie eben damit wiederum als Schöp-
fungen des Denkens an; indem wir ihre historische Relativi-
tät und Bedingtheit durchschauen, eröffnen wir uns damit den
Ausblick in ihren unaufhaltsamen Fortgang und ihre immer er-
neute Produktivität. Die beiden Richtungen der Betrachtung
:ügen sich hier zwanglos und ungesucht ineinander ein. Die
systematische Gliederung der Grunderkenntnisse und das Verhältnis
ihrer inneren Abhängigkeit tritt uns in dem Bilde ihrer geschicht-
lichen Entstehung noch einmal deutlich und fasslich entgegen.
So wenig diese Entwicklung verstanden und dargestellt werden
kann, ohne dass man sich das Ganze, dem sie zustrebt, beständig
in einem idealen Entwurf vor Augen hält: so wenig gelangt die