Bildende Kunst.
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Aber neben die klassizistische Kunst hatte sich bald eine
comantische gestellt, der künstlerischen Form nach ihr zu—
nächst gleich, inhaltlich aber verschieden. Es war eine Zwei—
teilung der Entwicklung, die dadurch möglich ward, daß diese
ganze zeichnerische Kunst, wie jede moderne Umrißkunst, Großes
nur leisten konnte durch Entfaltung eines stark gedanklichen
Charakters. Denn wird in Kulturen von unserer Entwicklung
die sinnliche Seite betont, so treten alsbald Farbe und Licht
hervor als unumgängliche Körperelemente gleichsam der Malerei:
nur im Gedanklichen läßt sich noch der bloße Umriß, die Zeichnung
halten. Bestand nun aber um 1800 eine bloße Zeichen—
kunst und wurde dadurch der Inhalt Mitherr der Malerei, so
mußten neben die klassizistischen Ideen auch immer mehr roman—
tische treten: denn die Romantik war ganz anders, als es
früher der Klassizismus gewesen, die geistige Herrscherin
nindestens der ersten Generation des neuen Jahrhunderts. So
stellten sich denn neben die Klassizisten zunächst die Nazarener,
uind Carstens wurde abgelöst durch Overbeck (1789 -1869).
Zugleich aber zeigte sich, daß die romantischen Empfindungen
und Ideen doch in viel vertiefterem Sinne Zeitausdruck
waren, als die klassizistischen; die Nazarener gründeten und be—
fruchteten zahlreiche Schulen in Deutschland, so besonders in
Wien, Dresden und Frankfurt; und ihre letzte Generation wies
als Hauptvertreter nicht einen Mann von den kleinen Ab—
messungen Genellis auf, sondern zwei so wunderbar poetische
Naturen wie Moritz von Schwind (1804—1871) und Ludwig
Richter (18031884). Und auch malerisch⸗-technisch blieben die
Romantiker der Zeit nicht so fern wie die Klassizisten: schon
das brachte sie dem nationalen Empfinden näher, daß sie die
Ideale ihres Umrißstiles nicht mehr in der Antike und noch
dazu in der Bildnerei suchten, sondern auf christlichem Boden,
in der Malerei des italienischen Quattrocentos und der folgenden
italienischen, gelegentlich sogar der entsprechenden deutschen
Jahrhunderte. Und was noch mehr besagte: diese Romantiker
unterdrückten die Farbe nicht mehr von Grund aus, wenn sie
sie auch anfangs überaus schüchtern, gleichsam nur als Umriß—
Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Eraünzungsband. *