Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

Die  Fortschritte  der  Binnenschiffahrtsstraßen.

959§ss

Und  noch  ein  Trittes  kommt  hinzn.  Um  die  Wassermassen  des  Gebietes  zu  sammeln!
und  für  den  Kanal  nntzbriitgend  zu  verwerten,  haben  die  Amerikaner  den  riesigen  Stausee
von  Gatun  mit  Hilfe  eines  großen  Dammes  geschaffen.  Nun  aber  ist  inan  nicht  nur  in
schwerer  Sorge,  wo  man  die  nötigen  Wassermassen  hernehmen  soll,  um  den  See  nur  erst
einmalig  zu  füllen,  sondern  es  ergibt  sich,  wenn  dies  gelingen  sollte,  wieder  eine  neue  Gefahr: ­
  es  steht  nämlich  nicht  mit  absoluter  Sicherheit  fest,  daß  die  Unterlage,  ans  der  der
Tamm  sich  erhebt,  vollkominen  wasserdicht  ist.  Die  bauleitenden  Ingenieure  behaupten
zwar  die  unbedingte  Zuverlässigkeit  ihres  Bauwerkes;  andere  sehr  urteilsfähige  Fachleute
bezweifeln  sie  jedoch  und  scheinen  um  so  mehr  dazu  berechtigt  zu  sein,  als  der  Gatundamm
an  zwei  Stellen  über  alte  Flußbetten  geführt  worden  ist,  die  bis  in  sehr  große  Tiefen  hinein
mit  Geröll,  Schlamm  und  andern  Flußablagernngen  angefüllt  sind.  Es  ist  ja  möglich,  daß
dennoch  die  Zuversicht  der  leitenden  Ingenieure  begründet  ist.  Wie  aber,  wenn  die  Zweifler
recht  behalten?  Wenn  auch  nur  an  einer  einzigen  Stelle  die  Unterlage  des  Dammes
Wasser  durchsickern  läßt?  Gewißheit  hierüber  wird  man  leider  erst  erlangen  können,  wenn
der  Stausee  gefüllt,  die  Berichtigung  eines  Irrtums  also  nicht  mehr  möglich  ist.  Liegt
aber  ein  solcher,  wenn  auch  noch  so  kleiner  Irrtum  vor,  so  wäre  ein  Dammbruch  unvermeidlich, ­
  der  mit  einer  völligen  Zerstörung  des  Kanals  fast  identisch  wäre.
Dazu  kommen  noch  die  Gefahren,  die  dem  Kanal  von  Erdbeben  drohen.  Zwar  wird
glücklicherweise  gerade  der  Isthmus  von  Panama  von  ihnen  verhältnismäßig  seltener  als
die  meisten  andern  Teile  des  bebenreichen  Mittelamerika  betroffen,  und  das  letzte  schwere
zerstörende  Panamabeben,  das  im  Jahre  1621  stattfand  und  die  Stadt  Panama  in  Trümmer
legte,  liegt  schon  fast  300  Jahre  zurück.  Aber  bei  dem  bedenklichen  labilen  Zustande  der
Böschungen  im  Culebradurchschnitt  und  des  Gatundammes  genügt  schon  ein  leichtes  Beben,
wie  es  hier  und  da  auch  in  Panama  vorkommt  und  u.  a.  noch  während  des  Lessepsschen
Kanalbaues  im  Jahre  1882  stattfand,  um  unberechenbare,  fürchterliche  Wirkungen  hervorzurufen, ­
  vielleicht  gar  in  wenigen  Sekunden  das  stolze  Kulturwunder  zu  vernichten.  —  Mitte
März  1912  wurde  ja  gar  gemeldet,  es  hätten  sich  im  Culebraeinschnitt  Spuren  beginnender
vulkanischer  Tätigkeit  gezeigt.  Diese  Sensationsnachricht  hat  sich  glücklicherweise  nicht  bestätigt ­
  oder  doch  eine  sehr  harmlose  Aufklärung  gefunden;  aber  der  Ausbruch  des  für
erloschen  gehaltenen  Vulkans  Chirlqui  aiu  5.  April  1912,  der  nur  etwa  200  km  vom
Kanal  entfernt  ist,  war  dennoch  eine  Tatsache,  die  zu  kaum  minder  großen  Befürchtungen
Anlaß  geben  mußte.
Aus  dem  Gesagten  geht  jedenfalls  hervor,  daß  das  stolze  Kulturwerk,  das  sich  seiner
wenigstens  Provisorischen  Vollendung  mit  Riesenschritten  nähert,  noch  von  zahlreichen  und
großen  Gefahren  umlauert  ist,  und  niemand  vermag  zu  sagen,  ob  die  Zukunft  des  Kanals
tatsächlich  dem  hoffnungsvollen  Bilde  entsprechen  wird,  das  man  sich  beim  Gedanken  an  den
werdenden  Panamakanal  so  leicht  auszumalen  geneigt  ist!
Von  sonstigen  großen  Seekanälen  sei  nur  in  aller  Kürze  auf  die  an  der  nordamerikanischen ­
  Ostküste  geplanten  Neubauten  hingewiesen.  Der  alte,  1824—1829  gebaute
Kanal  zwischen  der  Delaware-  und  der  Chesapeakebai,  der  mit  seiner  geringen
Tiefe  von  3  m  und  19,8m  Breite  neuzeitlichen  Anforderungen  nicht  mehr  entsprach,  soll
mit  einer  Tiefe  von  10,6  m  und  einer  Breite  von  45  m  neu  geschaffen  werden.  Außerdem
soll  die  Halbinsel  Cape  Cod  durchstochen  werden;  die  105  lern  lange  Halbinsel  stellt
für  die  Schiffahrt  ein  bedeutendes  Hindernis  und,  wegen  der  häufigen,  schweren  Nebel  an
der  Nordspitze,  eine  große  Gefahr  dar,  der  nun  mit  der  Schaffung  eines  13  km  langen,
75—90  m  breiten  und  7,6  m  tiefen  Kanals  begegnet  werden  soll.
Die  Fortschritte  der  Binnenschiffahrtsstratzen.
Die  seit  1900  ausgeführten  Anlagen  zum  Ausbau  der  Binnenschiffahrtsnetze  sind  in
allen  Ländern  verhältnismäßig  recht  unbedeutend  gewesen,  obwohl  viel  von  allerhand  Bestrebungen ­
  zur  Verbesserung  der  vorhandenen  Flußwege  und  Kanäle  die  Rede  war.
            
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