Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

254  Eisenbahnen:  Personenwagen.

sie  auf  dem  Dache  oder  besser  unter  dem  Fußboden  der  Wagen  anbringen  zu  können,  mnß
man  das  Gas  stark  pressen.  Dazu  eignet  sich  Steinkohlengas  nicht  sonderlich,  es  verliert
dabei  durch  Ausscheidung  von  Kohlenwasserstoffen  zu  sehr  an  Leuchtkraft.  Auch  muß  das
Behältergas  den  Gasflammen  mit  schwacher  Pressung  zugeführt  werden.  Die  Gasbeleuchtung ­
  wurde  erst  spruchreif,  als  es  1867  Julius  Pintsch  in  Berlin  gelang,  einen
sicher  wirkenden  Druckregler  herzustellen  und  das  aus  Braunkohlen-Teerölen,  Schieferölen,
Petroleum  u.  s.  w.  gewonnene  Öl-  oder  Fettgas  zu  verwenden,  das  eine  3—4mal  so
große  Helligkeit  liefert  wie  Steinkohlengas  und  durch  Pressung  nicht  so  stark  leidet.  Allerdings ­
  bedingt  Fettgas  die  Verwendung  kleiner  Brenner,  da  die  Flammen  sonst  rußen.
In  den  Wagenbehältern  steht  das  Gas  anfänglich  unter  6  Atmosphären  Überdruck  -
60000  mm  Wassersäule,  während  es  den  Brennern  nur  mit  einem  Druck  von  25  bis  50  mm
Wassersäule  zugeführt  wird.  Es  muß  also  vor  dem  Verbrennen  eine  sehr  starke  Druckverminderung ­
  erleiden.  Da  nun  mit  fortschreitender  Brenndauer  der  Gasdruck  in  den  Wagenbehältern ­
  abnimmt,,  so  muß  der  Druckregler  gleichzeitig  auch  so  beschaffen  sein,  daß  er  bei
großem  wie  kleinem  Überdruck  im  Behälter  stets  denselben  Berbrennungsdruck  herstellt;  denn  nur
dann  brennen  die  Flammen  gleichmäßig  ruhig.
Diese  Wirkung  hat  Pintsch  durch  eine  verhältnismäßig ­
  einfache  Anordnung  erzielt.  Sein
Druckregler  besteht  aus  einem  gußeisernen
Topfe,  der  durch  eine  luftdichte  (durch  Deckel
geschützte)  Membran  überspannt  ist.  Letztere
trägt  in  ihrer  Mitte  eine  kleine  Stange,  die
mittels  Hebels  und  Ventiles  den  Zufluß  des
hochgespannten  Gases  in  den  Topf  regelt.
Herrscht  in  dem  letzteren  der  für  die  Flammen
erforderliche  Niederdruck,  so  ist  die  Membran
nach  oben  hin  leicht  gespannt  und  hat  dadurch
den  (durch  Federkraft  im  Gewicht  ausgeglichenen) ­
  Ventilhebcl  etwas  hochgezogen  und
damit  das  Ventil  selbst  geschlossen.  Von
dem  Regler  zweigt  die  Leitung  nach  den
Flammen  ab.  Sobald  nun  der  Niederdruck
unter  der  Membran  abnimmt,  senkt  sich  diese
und  das  geöffnete  Ventil  läßt  neues  Gas  in  den
Regler  einströmen.  Dieser  Vorgang  spielt  sich
während  des  Brennens  der  Flammen  ständig
ab.  Je  nach  der  größeren  oder  geringeren
Helligkeit  und  der  Brennerart  gebraucht  eine
Flamme  25—30  1  Gas  in  der  Stunde.  Wird
die  Verbrenuungsluft  in  der  Lampe  vorgewärmt, ­
  wie  in  den  mehrflammigen  Jntensivlampen
  unserer  besseren  Wagen  (Abb.  262),
26i.  Amerikanische  Petroleumlampe.  so  verbraucht  eine  Flamme  stündlich  20  I  bei
gleicher  Helligkeit.  Die  Gasbehälter  der  Wagen
werden  so  bemessen,  daß  ihr  Inhalt  für  eine  30—lOstündige  Brenndauer  aller  Lampen  im  Wagen
ausreicht.  Um  sie  unterbringen  zu  können,  ordnet  man  sie  bei  größeren  Wagen  wohl  paarweise
an.  Wegen  des  scharfen,  unangenehmen  Geruches  des  Fettgases  bringt  man  alle  Gasleitungen
(aus  Kupfer)  außerhalb  der  Wagen  an,  so  daß  bei  undichter  Leitung  kein  Gas  in  das  Wageninnere ­
  gelangen  kann.  Das  Ölgas  wird  in  besonderen  Fettgasanstalten  erzeugt  und  durch  Bleirohrleituugeu
  oder  Gastransportwagen  unter  10  Atmosphären  Überdruck  den  Füllstationen  zugeführt.
Die  preußischen  Bahnen  führten  bereits  nin  die  Mitte  der  70er  Jahre  diese  neue
Beteuchtnngsart  ein  und  standen  in  diesem  Punkte  bald  an  der  Spitze.  Nunmehr  war
es  möglich,  durch  eine  Deckenlampe  in  jedem  Abteil  eine  derzeit  genügende  Helligkeit  zu
erzeugen,  und  die  Fettgasbeleuchtung  wurde  freudig  vom  Publikum  begrüßt.  Durch  die
großen  Bestellungen,  die  (auch  für  das  Gebiet  der  Seezeichenbeleuchtung)  an  Pintsch
ergingen,  hob  dieser  sein  Haus  zu  einer  reichen  Weltfirma  empor.  Das  Ausland,  in  erster
Reihe  Österreich,  Frankreich,  dann  englische  und  amerikanische  Bahnen  folgten  mit  dem
Gaslicht.  Bis  zum  Jahre  1899  waren  nach  dem  Pintsch-System  insgesamt  87  506  Wagen
und  3756  Lokomotiven  ausgestattet.  Davon  entfallen  auf
Deutschland  ....  33  145  Wagen,
England  16  854  „  ,
Amerika  12  330
            
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