Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

278

Eisenbahnen:  Signalwesen  nnd  Weichensicherung.

beobachten,  um  im  Falle,  daß  sich  an  diesem  etwas  Außergewöhnliches  ereignen  sollte,  den
Lokomotivführer  hiervon  sofort  zu  verständigen.  Später  erhielt  dieser  Ausguck  seinen
Platz  im  Packwagen,  und  zwar  entweder  in  einem  erhöhten  Aufbau  oder  einer  seitlich
ausragenden  Nische.
Naturgemäß  bildete  sich  das  Signalwesen  in  den  einzelnen  Ländern  verschieden  aus.
Namentlich  war  es  in  Deutschland  und  England  sehr  voneinander  abweichend.  In
letzterem  Lande  bildeten  Bahnübergänge  in  Schienenhöhe  die  Ausnahme,  in  Deutschland
waren  sie  die  Regel.  Hier  wurde  infolge  davon  ein  weit  größeres  Bahnwärterpersonal
nötig  als  bei  den  englischen  Bahnen.  Da  diese  Wärter  in  kleinen,  längs  der  ganzen
Bahnlinie  errichteten  Wärterhäusern  auf  Posten  sein  mußten,  so  lag  der  Gedanke  nahe,
sie  zur  Zeichengabe  heranzuziehen.  Man  stattete  sie  zu  dem  Zwecke  mit  Hörnern,  Flaggen
und  Laternen  aus,  stellte  später  auch  Signalmaste  neben  den  genannten  Häusern  auf
und  konnte  so  von  Wärter  zu  Wärter  und  damit  von  Station  zu  Station  signalisieren.
Es  waren  dieses  die  früher  allgemein  bei  uns  üblichen  „durchgehenden"  Streckensignale,
  die  unter  anderem  namentlich  dazu  dienten,  einem  Zuge  vorauszueilen  und
sein  Nahen  den  Streckenwärtern  und  den  Stationen  anzuzeigen.  Man  war  hierbei  aber
von  der  Aufmerksamkeit  der  ersteren,  sowie  vom  Wetter  abhängig.  Die  sichtbaren  Signale
versagten  bei  unklarem  Wetter  (Nebel,  Schneetreiben),  die  mit  dem  Horn  gegebenen  bei
Sturm.  Sie  sind  später  durch  die  weiter  unten  erörterten  elektrischen  Läutewerke  erfolgreich ­
  ersetzt  worden.
Signalformen.  Die  Ausführungsformen  für  die  einzelnen  Signalbegriffe  waren
ebenfalls  in  den  einzelnen  Ländern  verschiedenartig.  In  keinem  Lande  jedoch  haben  sie
eine  solche  Buntscheckigkeit  angenommen  wie  in  Deutschland  zur  Zeit  seiner  politischen
Zerrissenheit.  Während  in  England  und  Frankreich  seit  den  40er  Jahren  etwa  30  verschiedene ­
  Signalbegriffe  mit  fast  einheitlicher  Ausführungsform  im  Gebrauch  standen,
erweiterte  man  auf  deutschen  Bahnen  ihre  Zahl  auf  das  Dreifache  und  legte  nach
v.  Weber  insgesamt  etwa  1000  (!)  Formen  für  sie  fest,  wovon  677  auf  58  Hauptbegriffe ­
  entfielen.  Ja,  bei  acht  gewissen  Signalen  waren  sogar  nicht  weniger  als  je
21  verschiedene  Formen  für  jedes  davon  in  Anwendung!  Mitte  der  60er  Jahre  gab
es  denn  anch  in  deutschen  Landen  98  verschiedene,  gleichzeitig  in  Benutzung  stehende
Signalbücher,  in  denen  dieses  Riesenheer  von  Zeichen  niedergelegt  war.  Da  gab  es  für
die  durchgehenden  Streckensignale  Masten  mit  einem  oder  mehreren  Flügeln,  Scheiben,
Ballons,  Körben  (letztere  mit  und  ohne  Flaggen),  Figuren,  Pfeilen,  alle  wieder  sehr  verschieden ­
  gestaltet;  daneben  gab  es  Klingelzüge  von  Wärter  zu  Wärter  und  Signale  mit
dem  Horn,  der  Trompete  u.  s.  w.;  ferner  vor  und  auf  den  Bahnhöfen  erhöht  angebrachte
wendbare  oder  umklappbare  Scheiben,  Figuren,  Kästen  mit  Anschriften  u.  s.  w.  Für  die
Nachtsignale  wurden  Lichter  —  festsitzende,  bewegliche  oder  auch  beide  Arten  vereinigt  —
benutzt,  auch  Fackeln,  Feuertöpfe,  bengalische  Lichter  fanden  Verwendung.  Andere  Bahnverwaltungen ­
  wieder  beleuchteten  die  Tagessignale  während  der  Dunkelheit,  andere
schrieben  für  bestimmte  Fälle  Knallkapseln  vor  u.  s.  w.  Es  gab  elektrische  Signale  mit
Glocken,  Zeigerwerken,  Schreibvorrichtungen,  Lokomotivsignale  mit  dem  Dampfhorn,  der
Dampfpfeife  oder  der  Teuderglocke.  Dazu  kamen  die  nicht  minder  mannigfachen  Weichen-,
Drehbrücken-  und  Tunnelsignale,  die  Handsignale  mit  sehr  verschieden  gefärbten  Flaggen,
farbigen  Laternen  und  anderen  Gegenständen.  Kurzum,  es  herrschte  eine  Vielseitigkeit
der  Formen  und  Weisen,  die  zwar  dem  menschlichen  Erfindergeist  alle  Ehre  machte,  die
aber  gerade  hier  am  wenigsten  am  Platze  war.  Sie  war  in  dem  an  Grenzpfählen  und
Partikularismus  so  reichen  Deutschland  auch  eine  Kleinstaaterei,  eine  Folge  der  politischen,
und  wie  diese,  von  übler  Wirkung  für  die  Gesamtheit,  und  jener  trieb  anch  hier  seltsame ­
  Wucherungen.
v.  Weber  schreibt  1867:  „Zeigten  die  durchgehenden  Tagessignale  auf  den  verschiedenen
Bahnlinien  die  abweichendsten  Gestalten,  so  war  dies  bei  den  optischen  Nachtsignalen  in  noch
weit  höherem  Maße  der  Fall.  Hier  galt  rotes,  dort  grünes,  dort  weißes  Licht  für  das
Ordnungszeichen  („Bahn  frei"),  hier  wurde  Rot,  dort  Grün,  dort  Weiß  für  Gefahr-  nnd
Haltsignale  verwandt,  hier  bediente  man  sich  des  weißen,  dort  des  grünen,  dort  des  roten
Lichtes,  um  „Langsam  fahren"  zu  rufen.  Hier  hielt  man  ein  Licht  wechselnder  Farbe  für
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.