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Alte und moderne Strombaukunst.
geführt, das ungefähr 70 Km oberhalb der Wesermündung liegt und den Endpunkt der
Oberweserschiffahrt bildet. Bis nach Bremen konnten früher die wenig tiefgehenden
Seeschiffe die Weser heraufgelangen, so daß dort von Bord zu Bord d. h. unmittelbar
vom Seeschiff in das Binnenschiff und umgekehrt verladen werden konnte. Die mit der
Entwickelung der Seeschiffahrt immer größer gebauten Schiffe vermochten auf der unregu
lierten, immer mehr verwilderten Weser schließlich nur noch bis Bremerhaven, Geeste
münde und einigen weiteren Unterweserhäfen, aber nicht mehr bis Bremen selbst gelangen;
anderseits war es den leichtgebauten hölzernen Oberweserkähnen nicht möglich, die
Unterweser wegen des auf derselben herrschenden heftigen Wellenschlages zu befahren.
So konnte also nicht mehr von Bord zu Bord umgeladen werden, und die Leichterschiffe
oder die Eisenbahn mußten den Verkehr zwischen Flußschiff und Seeschiff vermitteln. Da
durch wurden natürlich die Frachtkosten gewaltig verteuert, und Bremen blieb hinter seinen
Nachbarn Hamburg, Amsterdam, Rotterdam und Antwerpen, die sich neu ausgebauter
Häfen mit verbesserten Zugängen von der See und namentlich auch verbesserter Wasser
verbindungen nach dem Binnenlande erfreuen, weit zurück. Wo solch mißliche Verhält
nisse für einen Hafenplatz eintreten, ist die Verbesserung der Schiffahrtsstraße dringend
notwendig, damit die Seeschiffahrt — das billigste Verkehrsmittel — möglichst weit in
das Binnenland hinein fortgesetzt werden kann, wodurch große Summen gespart, Handel
und Industrie gesteigert werden und der in seiner Existenz bedrohte Hafen den Wett
bewerb mit seinen Nachbarn bestehen kann. Aus den angeführten Gründen hat die Ver
besserung der Flußläufe im Laufe der Zeit eine immer größere Wichtigkeit erlangt.
Die Strombaukunst, die sowohl eine genaue Kenntnis der allgemeinen natür
lichen Verhältnisse, als auch ein eingehendes Studium der Besonderheiten jedes Fluß
laufs voraussetzt, ist verhältnismäßig sehr jungen Datums. So hervorragende Leistungen
die antiken Ingenieure auf den verschiedensten Gebieten der Technik hervorgebracht haben,
auf dem Gebiete des Strombaues müssen ihre Leistungen als ziemlich unbedeutend be
zeichnet werden. Am meisten Schwierigkeiten bereitete den Ingenieuren im Altertum die
Offenhaltung der Flußmündungen, an denen die ungeheueren Sandablageruugen die
Schiffahrt im Laufe der Zeit außerordentlich beeinträchtigten, ja unmöglich machten.
Hier suchte mau durch die Schaffung neuer künstlicher Flußarme die unterbrochene Ver
bindung mit dem Meere wiederzugewinnen. Die erste bekannte derartige künstliche Wasser
straße, zum Zwecke der Offenhaltung der Schiffahrt hat bereits Nebukadnezar geschaffen,
der den 600 à langen Kanal, Pallakopas genannt, Herstellen ließ, der außer als fahr
bare Wasserstraße hauptsächlich dazu diente, die Sumpfgebiete an der Euphratmündung
zu entwässern. Im November jedes Jahres mußte der Kanal geschlossen werden, da sonst
die Bewässerung der Ländereien nicht möglich war, indem zuviel Wasser zum Abflüsse
gelangte. Die Schließung des Kanals war sehr kostspielig und mühevoll. Sie lag dem
Satrapen von Babylon ob und bedingte die Beschäftigung von 10 000 Menschen während
dreier Monate. Um den Umfang dieser Arbeit einzuschränken, ließ Alexander der Große
eine neue Kanalmündung, die festeren Boden durchschnitt, Herstellen. Die Spuren des
Pallakopas mit seinen vielen Seen sind heute noch zu verfolgen. Mit Recht erblickt man
in diesem künstlichen Flnßlauf ein hervorragendes Werk des chaldäischen Volkes, bedingte
doch die damals allein zur Verfügung stehende Menschenkraft die Vereinigung vieler
Tausende zur Schaffung derartiger Riesenbauten. Viele Jahrhunderte später ahmten
die Römer das gegebene Beispiel nach und schufen an der Rhone die fossa mariana und
an dem Tiber die lassa traiana.
Die fortgeschrittene Technik der Neuzeit löst derartige Aufgaben in vollständig anderer
Weise. Die auf die Verbesserung von im Flutgebiet belegenen Flußmündungen ge
richteten Bestrebungen haben Werke entstehen lassen, die zu den bedeutendsten Schöpfungen
auf ingenieurtechnischem Gebiete zu zählen sind. Die englischen Ingenieure waren die
ersten, welche mit der Korrektion der im Flutgebiet gelegenen Flüsse vorangingen, und
die erreichten Erfolge haben den Beweis geliefert, daß die auf die Verbesserung wichtiger
Schiffahrtswege aufzuwendenden Mittel kaum zu groß werden können. Das älteste und
mit dem bedeutendsten Erfolge gekrönte Beispiel von Regulierungsarbeiten im Flutgebiet