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Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.
Soll man mit den Sozialisten die Ausbeutung der Arbeit durch das
Kapital anklagen? Ebensowenig. George betrachtet im Gegenteil diese
beiden Faktoren als auf das engste miteinander verbunden und gleich
mäßig von den Grundbesitzern ausgebeutet. Nach ihm kann der
Mensch seine Tätigkeit, nach Belieben auf die Produktion von Kapital
oder auf die von Arbeit richten. Das Kapital und die Arbeit sind
zwei Äußerungen einer und derselben Kraft: der menschlichen An
strengung. Der Gewinn, den man aus der Kapitalbildung, und der,
den man aus der Arbeit ziehen kann, streben danach, sich das
Gleichgewicht zu halten; wenn sie es nicht täten, würde der Mensch
dazu kommen, bald mehr Kapital und bald mehr Arbeit zu produ
zieren, bis ihr Ertrag von neuem gleich ist; die Höhe der Zinsen und
die des Lohnes können daher nicht im umgekehrten Verhältnisse
variieren 1 ).
Aber wenn man weder das Zuviel an Bevölkerung, noch die Aus
beutung der Arbeit und des Kapitals anklagen kann, woher kommt
dann die elende Lage des Arbeiters? — Einzig und allein von den
Fortschritten der Bodenrente. — Und Henry George, der vorher
gewisse Theorien Ricardo’s so scharf angriff, zieht hier aus der
Lehre von der Bodenrente ihre äußersten logischen Folgerungen.
Infolge der Konkurrenz zwischen Arbeitern und Kapitalisten,
sagt uns George, werden Lohn und Zins der Höhe nach bestimmt
durch den Ertrag des Kapitals nnd der Arbeit, die auf dem
letzten in Anbau genommenen Felde tätig sind, das noch keine
Rente liefert. Das Monopol der Grundbesitzer gestattet ihnen, als
Preis der Benutzung der anderen Böden, alles das, wns diesen Minimal
betrag übersteigt, zu fordern. Daher kann die Rente bis ins Un
endliche anwachsen. Denn die Grenzen des Anbaus werden immer.
zeugen, den ein einzelner Mensch im fruchtbarsten Lande hervorbringen kann“ (S. 132).
Vgl. das ganze zweite Buch, das sich gegen die Theorie Maf.thus richtet.
*) „Kapital und Arbeit sind nur. verschiedene Formen desselben Dinges: der
menschlichen Anstrengung (human exertion). Das Kapital wird durch die Arbeit
hervorgebracht; es ist in der Tat nichts als Arbeit, die in einem Stoffe, einem Produkte
aufgehänft ist. . . Die Verwendung von Kapital in der Produktion ist demnach nur
eine Form von Arbeit.. . Daher bewirkt das Prinzip, welches unter Umständen, die eine
freie Konkurrenz möglich machen, dahin führt, daß die Löhne in den verschiedenen
Branchen sich ausgleichen, und der Gewinn sich im wesentlichen gleichmäßig ge
staltet, — das Prinzip, daß die Menschen ihre Bedürfnisse mit dem geringsten Kraft
maße zu befriedigen suchen — dieses Prinzip also bewirkt auch, daß ein Gleichgewicht
zwischen Lohn und Zins hergestellt und erhalten wird . . . Und wenn das fest-
gestellt ist, so leuchtet es ein, daß Zinsfuß und Lohn zusammen steigen und fallen
müssen, und daß der Zinsfuß nicht steigen kann, ohne daß er auch den Lohn hebt,
noch der Lohn sinken kann, ohne auch den Zins herabzudrücken“ (Ebenda, Bd. III,
Kap. V, S. 174—175). Es ist unnötig, auf die Kindlichkeit dieser Auffassung der
Beziehungen zwischen Lohnsatz und Zinsfuß hinzuweisen.