Full text: Naturalwirtschaft und Geldwirtschaft in der Weltgeschichte

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sicht, die oben gegeben worden ist, lehrt, wie einseitig und viel zu 
eng solche Auffassungen sind. 
Es ist nun überaus wichtig festzustellen, daß gerade der 
Kapitalismus neuerer Zeiten, den man als Kapitalismus 
schlechthin hinzustellen pflegt, sich nicht selten der Natural- 
wirtschaft bediente, um sein Hauptziel zu erreichen, nämlich 
große Gewinne einzuheimsen und eine steigende Aktivität der 
gesamten Wirtschaftsbilanz herbeizuführen**®). Von verschiedenen 
Seiten ist bereits dargelegt worden, daß die reichen Kaufleute am 
Ausgang des Mittelalters, die vornehmlich durch Handelsgewinn 
Kapital angehäuft hatten, zugleich große Grundeigentümer in den 
Städten gewesen sind. Im Westen, Frankreich (Arras)‘*) ebenso 
wie im Osten (Wien)!). Schon früher hatte sich auch im Byzantini- 
schen Reich, u. zw. im 10. und 11. Jahrhundert, das in der Haupt- 
stadt in den Händen der vornehmen Herren angesammelte Geld- 
kapital mit Heißhunger auf den kultivierten Boden gestürzt, indem 
sie den kleinen freibäuerlichen Besitz, wie insbesonders die Soldaten- 
güter, aufkauften*®), In anderer Weise haben in Italien die Baratto- 
geschäfte, d. h. Tauschgeschäfte in Naturalien (Waren), dazu 
gedient, um kapitalistische Tendenzen zu realisieren, vor allem, 
um einen höheren Gewinn zu erzielen*?). 
Auch das sehr verbreitete Trucksystem ist eben durch die 
kapitalistischen Unternehmer zum Nachteil der gewerblichen 
Arbeiter in gewinnsüchtiger Absicht angewendet worden und hat 
zur Bereicherung ersterer geführt. In Florenz bereits im 14.!"°), in 
England seit dem 15. Jahrhundert**), in Deutschland eben damals 
und auch noch im 17. und 18. Jahrhundert***). 
In der Encomienda der spanischen Kolonien Amerikas haben 
die Konquistadoren und Kolonisatoren ihre kapitalistischen Groß- 
1225) Vol. dazu die Bemerkungen Max Webers, Gesammelte Aufsätze zur 
Religionssoziologie ı, 4 ff. (1920), Vorbemerkung. 
12%) Vgl. G. Bigwood, Les financiers d’Arras. Revue Belge de philolog. et 
d’histoire 3, 465 £. (1924), bes. 499. 
127) Vgl. L. Groß, Zur Frage der Wiener Erbbürger. Mitteil. d. Ver. f. 
Gesch. d. Stadt Wien, 1920. 
128) Dölger a.a.O. 5.65. 
129) Siehe oben S. 189. 
130) Siehe oben S. 188. 
131) Siehe oben S. 193. 
132) Sjehe oben S. 187. 
Dopsch, Naturalwirtschaft.
	        
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