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Die Weltwirtschaft.
Mit dieser ungeheueren Steigerung des Bedarfes an Brotgetreide fiel die ge
waltige Entwickelung des Verkehrswesens zusammen. Der rasch fortschreitende
Ausbau des Eisenbahnnetzes aller in den Kreis moderner Kultur einbezogenen Länder,
die Herstellung wichtiger Kanäle, vor allem des Suezkanales, die Entwickelung der
Dampfschiffahrt und die Vervollkommnung der Handelstechnik, die in Verbindung mit
den Fortschritten im Verkehrswesen eintrat, hat eine so außerordentliche Verbilligung
des Warenbezuges und der Warenlieferung aus der Ferne herbeigeführt, daß der bis
dahin an enge Grenzen gebundene Verkehr in agrarischen Massenprodukten binnen kurzem
zu einem den ganzen Erdball umspannenden Welthandel wurde. Die entferntesten
Gegenden der Erde wurden mit ihren Erzeugnissen gewissermaßen vor die Thore West
europas geschoben und in den Stand gesetzt, die natürliche Gunst ihrer Prodnktions-
bedingungen voll geltend zu machen und nicht nur mit näher gelegenen europäischen
Getreideländern in der Deckung des riesenhaft gestiegenen westeuropäischen Getreide
bedarfes erfolgreich in Wettbewerb zu treten, sondern auch die heimische Landwirtschaft
Westeuropas teilweise aus dem Felde zu schlagen. Neben den Weizen Ungarns und
Rumäniens ist auf den europäischen Märkten das Getreide der russischen Tiefebenen und
der uordamerikanischcn Prairien, die Zufuhr aus Ostindien, Argentinien, Kanada und
Australien getreten.
Obenan stehen unter den Getreideausfuhrländern die Vereinigten Staaten
von Nordamerika und Rußland. Noch zu Anfang der 60er Jahre, vor dem
Sezessionskriege, war Nordamerika für den Getreidehandel ohne Bedeutung. Erst als
der Bau der Pacifischen Bahnen und die infolge wirtschaftlicher Krisen in Europa ge
stiegene Einwanderung die Erschließung und rasche Besiedelung des waldarmen und
fruchtbaren Prairiegebietes ermöglichte, begannen sie die europäischen Märkte mit immer
gewaltiger anschwellenden Getreidemassen zu überschwemmen. Sprunghaft ging die An
baufläche für Getreide in die Höhe. Im Jahre 1849 waren erst acht Millionen aorss
mit Weizen bebaut, 1871 betrug diese Fläche bereits 20 Millionen, 1876 27 Millionen,
1880 38 Millionen und 1898 44 Millionen aoros.« Die Anbaufläche für Mais ist
zwischen 1871 und 1898 von 34 auf 77 Millionen aorss, jene für Hafer von 8 auf
25 Millionen acres, die für Roggen, Gerste und Buchweizen von 2,7 auf 4,7 Millionen
acres gestiegen.
Gleichen Schritt mit dieser Ausdehnung der Anbauflächen hielt die Steigerung der
Erntemenge. Sie betrug in Millionen Meterzentnern
für
im Jahre
1871
1881
1891
1897
1898
Weizen
62,8
104,3
166,5
144,3
183,8
Roggen
3,9
5,3
8,1
7,0
6,5
Gerste
5,8
8,9
18,9
14,5
12.2
Hafer
37,1
60,5
107,2
101,5
106,1
Mais
252,0
303,5
523,3
483,3
488,8
Buchweizen....
1,7
2,0
2,6
3,1
2,4
Zusammen
363,8
484,5
826,6
753,7
799,8
Bei extensivster Bewirtschaftung, die oft in reinen Raubbau ausartet, liefert der frisch
unter den Pflug genommene, jungfräuliche Boden reiche Erträge mit geringen Produktions
kosten. Auf den großen Stapelplätzen des Inneren, in Chicago, St. Louis, Milwaukee,
Detroit, Duluth sammeln sich die Zufuhren. Großartige Speicheranlagen (Elevatoren)
— deren Chicago allein im Jahre 1885 27 mit einem Fassungsranme von 25 Millionen
Bushels zählte — mit den vollkommensten mechanischen Einrichtungen für Reinigung,
Sortierung, Mischung, Einlagerung und zeitweise Durchlüftung der Ware nehmen hier
das Getreide auf, und ein ausgebildetes Kreditsystem ermöglicht es dem Landwirte, es in