8 67. Die Arbeitslosigkeit.
$ 67. Die Arbeitslosigkeit.
Wir haben in den beiden vorhergehenden Paragraphen einen Ein-
blick in die Art, in welcher der Zufluß von Arbeitskraft zu den beiden
Hauptzweigen der Industrie von den Konjunkturen beeinflußt wird,
gewonnen. Für diesen Zweck war es nötig, statistische Angaben zu
benutzen, die wenigstens annähernd die Gesamtzahl der Arbeiter in
den verschiedenen Berufszweigen umfaßten. Erst eine solche Statistik
ermöglichte einen Vergleich zwischen den Mengen von Arbeitskraft,
die in einem besonderen Berufszweig von Jahr zu Jahr beschäftigt
werden.
Wir haben gefunden, daß die kapitalproduzierenden Industrien, die
in den Hochkonjunkturen eine Menge von Arbeitskraft von außen an-
ziehen, in den Depressionen wieder einen Teil dieser Arbeitskraft ab-
stoßen und dadurch Arbeitslosigkeit verursachen. Es ist wohl nicht
notwendig, daß die so abgestoßenen Arbeiter auch wirklich arbeitslos
werden, denn es läßt sich denken, daß sie in gewissem Umfange nach
der Landwirtschaft, von der sie erst kürzlich gekommen sind, zurück-
kehren, um da bis auf weiteres wieder Beschäftigung zu finden. Dies ist
tatsächlich in Schweden eine ziemlich gewöhnliche Erscheinung. Die
kapitalproduzierenden Industrien können nämlich zum großen Teil land-
wirtschaftliche Arbeiter oder Mitglieder der Bauernfamilien direkt von
ihren ländlichen Beschäftigungen nehmen. Besonders gilt dies na-
türlich von der Holzindustrie, aber auch in größerem Umfange von der
Bautätigkeit. Wenn diese Arbeiter nicht mehr industrielle Beschäf-
tigung finden, gehen sie häufig in ihre früheren Stellungen zurück.
Es liegt aber auf der Hand, daß solche Verhältnisse in hoch-
entwickelten Industrieländern nicht vorkommen können, wenigstens
nicht in demselben Umfang. Hier sind die von den kapitalproduzierenden
Industrien in den Depressionsperioden abgestoßenen Arbeiter auch
meistens einer wirklichen Arbeitslosigkeit ausgesetzt. Der Rückgang
der Zahl der von den betreffenden Industrien normal beschäftigten
Arbeiter, den wir für Deutschland festgestellt haben, dürfte eine im
ganzen richtige Vorstellung vom Umfange dieser „Konjunkturen-
arbeitslosigkeit‘‘ geben.
Von den momentanen Schwankungen des Beschäftigungsgrades
gibt aber die Statistik, die wir bisher benutzt haben, kein Bild. Will
man das Problem der Arbeitslosigkeit von diesem Gesichtspunkte aus
studieren, um damit sozusagen ein Barometer für die Konjunkturen-
entwicklung zu gewinnen, muß man andere Wege einschlagen. In erster
Linie haben wir uns dann an die Arbeitslosenstatistik derjenigen Fach-
verbände zu wenden, die über ihre arbeitslosen Mitglieder regelmäßig
Bericht erstatten. Der größte Mangel dieser Statistik ist, daß sie ge-
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