Full text : Frédéric Le Play in seiner Bedeutung für die Entwicklung der sozialwissenschaftlichen Methode

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Eine  Monographie  soll  doch  ein  Zustandsbild,  ein  „Querschnitt  durch
die  Geschichte“  sein;  Budget  und  Beschreibung  sollen  sich  ergänzen,
was  nicht  geht,  wenn  sie  verschiedenen  Zeiten  entstammen.  Sechzehn
Jahre  können  sowohl  in  der  Lebenshaltung,  die  sich  im  Budget
äußert,  wie  auch  in  den  allgemeinen  sozialen  und  wirtschaftlichen
Verhältnissen,  wie  sie  in  der  Beschreibung  sich  zeigen,  Umwälzungen
hervorrufen,  so  daß  bei  diesem  Verfahren  die  beiden  Teile  zeitlich ­
  auseinander  fallen.  Das  ist  bei  dieser  Monographie  in  der  Tat
der  Fall.
Das  Budget  des  Harzer  Bergarbeiters  ist  sicher  erst  im
Jahre  1845,  wahrscheinlich  von  einem  Mitarbeiter  Le  Play’s,  aufgenommen; ­
  denn  erst  damals  entstand  der  Gedanke,  genaue  Budgets
aufzunehmen  und  zu  veröffentlichen.  Bei  Cheysson  „Les  budgets
compares“  (1890)  ist  das  Jahr  1845  für  die  Entstehung  der  ganzen
Monographie  angegeben.  Auch  aus  dem  Budget  selbst  geht  das
hervor.  Der  Bergmann  erzielt  einen  Wochenlohn,  wie  er  erst  Ende
der  40er  Jahre  üblich  ist:  7,60  M.  Lahmeyer 1 )  gibt  erst  für  das
Jahr  1848  den  Höchstlohn  auf  7,75  M.  an,  eine  Steigerung,  die  durch
die  Erlaubnis,  noch  eine  Schicht  mehr  zu  verfahren,  erreicht  wurde.
Im  Jahre  1829  war  der  Lohn  bedeutend  geringer,  nach  der  Angabe
Le  Play’s 2 )  für  die  Hüttenarbeiter  7  Groschen  (0,70  M.)  pro  Tag;
danach  ist  kein  Zweifel,  daß  das  Budget  im  Jahre  1845  entstanden ­
  ist.
Anders  die  Beschreibung.  Im  Jahre  1829  hielt  sich  Le  Play
6  Wochen  im  Harz  auf,  davon  10  Tage  in  Klausthal;  er  lernte
dabei  die  Bergwerks-Verfassung  des  Harzes  gut  kennen.  Den  damaligen ­
  Zustand  hat  er  der  Beschreibung  zugrunde  gelegt;  denn
grundlegende  Veränderungen  aus  den  Jahren  1834/35,  in  denen  die
meisten  Gruben  von  den  Gewerken  verlassen  wurden  und  in  landesherrlichen ­
  Besitz  übergingen,  erwähnt  Le  Play  nicht.
Durch  diese  äußerlich  nicht  ersichtliche  Zweiteilung  der  Monographie ­
  verliert  sie  an  Wert.  Der  Zustand  nämlich,  den  Le  Play
beschreibt  und  der  für  das  Jahr  1829  zutrifft,  bestand  1845  nicht
mehr,  was  der  Leser  doch  zunächst  annehmen  muß.  Die  Kombination ­
  von  Staats-  und  Privatbetrieb,  die  Le  Play  als  mustergültig
erschien,  hatte  sich  inzwischen  in  dieser  Form  als  unhaltbar  er-■)

  Über  die  gegenwärtige  Lage  und  die  Aussichten  des  oberharzischen  Bergwerks- ­
  und  Hiittenhaushalts.  Klausthal  1862.
! )  Fr.  Le  Play,  Voyages  en  Europe,  Paris  1899,  S.  57.

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