Full text : Die freiwilligen sozialen Fürsorge- u. Wohlfahrtseinrichtungen in Gewerbe, Handel u. Industrie im Deutschen Reiche

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T.  Bienert,  Hofmühle  Dresden-Plauen.
Wohl  selten  haben  Errungenschaften  der  Technik  und  Fortschritte  der  Volkswirtschaft
einen  so  nachhaltigen  Einfluß  auf  die  sozialpolitische  Entwicklung  eines  Industriezweiges
auszuüben  vermocht,  als  im  deutschen  Mühlengewerbe,  das  Ende  der  siebziger  Jahre  des
vorigen  Jahrhunderts  einen  durchgreifenden  Umwandlungsprozeß,  den  Übergang  von  der
alten  Steinmüllerei  zu  der  neuen  Mahlmethode  der  Walzenmüllerei,  durchlebte.
Die  Einführung  der  automatischen  Beförderungsweise  des  Mahlgutes,  die  bessere  Ausnutzung ­
  der  Arbeitszeiten  durch  die  Verwendung  der  Maschinenkraft,  die  Ablösung  der
Naturallöhnung  durch  höhere,  die  menschliche  Arbeitsleistung  besser  bewertende  Lohnformen ­
  —  sie  ebneten  den  Weg  für  den  Ausbau  sanitärer  und  sozialer  Vorkehrungen  und
Maßnahmen  im  Gewerbe  selbst  und  legten  in  letzter  Linie  den  Grund  zu  einer  planvollen
Ausgestaltung  der  freiwilligen  und  gesetzlichen  Arbeiterfürsorgebestrebungen.
Am  stärksten  äußerte  sich  die  so  vorbereitete  ökonomische  und  soziale  Hebung  der
Arbeiterklasse  in  der  privaten  Wohlfahrtspflege  durch  den  Großbetrieb,  wovon  die  mannigfachen ­
  sozialen  Einrichtungen  und  Veranstaltungen  der  Firma  T.  Bienert,  Hofmühle  zu
Dresden-Plauen,  ein  beredtes  Zeugnis  ablegen.
Schon  bevor  das  Reich  die  Arbeiterversicherung  festlegte,  begann  der  Begründer  dieser
Firma,  Traugott  Bienert,  der  sich  durch  Fleiß  und  persönliche  Anspruchslosigkeit  aus
ärmlichsten  Verhältnissen  heraus  zum  Besitzer  eines  der  größten  Mühlenwerke  Deutschlands
emporarbeitete,  die  soziale  Hilfeleistung  im  Betriebe  der  Hofmühle  planmäßig  zu  organisieren.
Als  eine  seiner  ersten  Schöpfungen  dieser  Art,  die  im  Laufe  der  Jahre  eine  außerordentliche ­
  Entwicklung  erlebte,  gilt  die
PENSIONS-  UND  UNTERSTÜTZUNGSKASSE.  1887  mit  einem  Grundkapital  von
150  000  M.  begründet,  bezweckt  sie,  an  die  im  Dienste  der  Firma  alt  oder  arbeitsunfähig
gewordenen  Arbeiter  sowie  an  deren  hinterlassene  Witwen  und  Waisen  in  all  den  Fällen
Unterstützungen  zu  gewähren,  in  welchen  die  Kranken-,  Unfall-  und  Altersversicherungskassen ­
  entweder  keine  oder  keine  genügende  Hilfe  leisten.  Die  Leistungen  der  Kasse,
beginnend  mit  446  M.  im  Gründungsjahr,  stiegen  bereits  im  ersten  Jahrfünft  auf  3315,50  M.,
bis  1902  auf  6971,63,  betrugen  1907  9145,08  M.  und  erreichten  im  Jahre  1911  einen  Hochstand ­
  von  10360,23  M.  Gegenwärtig  werden  100  Personen  aus  dieser  Kasse  unterstützt.
Der  Kapitalbestand  betrug  am  1.  Januar  1912  208  824,87  M.
KRANKENKASSENSTIFTUNG.  Die  ebenfalls  von  Kommerzienrat  T.  Bienert  anläßlich ­
  seines  80.  Geburtstages  am  21.  Juli  1893  ins  Leben  gerufene  Krankenkassenstiftung ­
  —  Grundkapital  15  000  M.,  Bestand  am  1.  Januar  1912  34  851,88  M.  —  erstattet
aus  den  Zinsen  Unterstützungen  in  allen  Krankheitsfällen  der  Arbeiter  und  deren  Familien, ­
  in  denen  die  Betriebskrankenkasse  nicht  eintreten  kann.  Die  Wohltaten  dieser  Kasse
genossen  1911  191  Personen.
WÖCHNERINNENSTIFTUNG.  In  der  Wöchnerinnenstiftung  begegnen  wir  einer
Gründung  der  jetzigen  Inhaber  der  Firma,  Theodor  und  Erwin  Bienert,  die  anläßlich  der
1891  erfolgten  Geburt  ihrer  Stammhalter  mit  einem  Grundkapital  von  20  000  M.  erfolgte,
1898  um  weitere  20  000  M.  erhöht  wurde  und  am  1.  Januar  1912  einen  Bestand  von
47  239,34  M.  aufwies.  Daraus  erhalten  die  Ehefrauen  der  Angestellten,  sowie  die  verheirateten ­
  Arbeiterinnen  im  Falle  einer  Entbindung  eine  Unterstützung  von  30  M.,  damit ­
  sich  dieselben  die  nötige  Schonung  und  angemessene  Verpflegung  angedeihen  lassen
können.  Die  Ausgaben  der  Stiftung  belaufen  sich  im  Jahre  1911  bei  30  Unterstützungen
auf  830  M.  Da  die  Zinsen  nicht  ganz  aufgebraucht  werden,  konnte  ein  Betrag  von  ca.
600  M.  der  Krankenkasse  überwiesen  werden.
            
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