Full text : Die freiwilligen sozialen Fürsorge- u. Wohlfahrtseinrichtungen in Gewerbe, Handel u. Industrie im Deutschen Reiche

T.  Bienert,  Hofmühle,  Dresden-Plauen.

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einer  Reihe  anderer  Veranstaltungen  hervor.  Der  Pflege  persönlicher  Beziehungen  zwischen
den  Geschäftsinhabern,  Beamten  und  Arbeitern  dienen  die  seit  1902  bestehenden  Unterhaltungsabende, ­
  die  während  des  Winterhalbjahres  stattfinden  und  für  die  Reform  der
Volksgeselligkeit  im  Arbeiterstande  von  besonderem  Werte  sind.
MÄNNERGESANGVEREIN,  LESEABENDE.  Die  Gesangesfreude  kommt  bei  allwöchentlich ­
  stattfindenden  Übungs-Abenden  des  am  1.  Dezember  1900  gegründeten
„Männergesangvereins  der  Firma  T.  Bienert“  sowie  auch  in  den  Leseabenden  des  aus
den  Arbeiterinnen  und  weiblichen  Angehörigen  der  Arbeiter  gebildeten  „Frauenchors“
zu  ihrem  Rechte.
KINDERBEWAHRANSTALT.  Für  das  Wohl  der  Kinder  des  Hofmühlenpersonals
sorgen  besondere  Einrichtungen.  So  wurde  mit  der  Verwaltung  der  Kinderbewahranstalt
und  Knabenbeschäftigungs-Anstalt  der  Heger-Bienert-Stiftung  ein  Abkommen  getroffen,
wonach  auch  außerhalb  der  Vorstadt  Dresden-Plauen  wohnhafte  Arbeiter  der  Firma
ihre  Kinder  daselbst  u'nterbringen  können.
FREISTELLEN.  Den  Kindern  der  in  Vorstadt  Plauen  wohnenden  Arbeiter  stehen
des  weiteren  Freistellen  für  den  Handfertigkeitsunterricht  in  der  Volksschule  zur
Verfügung.  —  Schulpflichtige  erholungsbedürftige  und  kränkliche  Kinder  finden  teils
freie  Aufnahme  in  den  Ferienkolonien  des  Gemeinnützigen  Vereins  zu  Dresden  (1912
Zahl  der  Kinder  31),  teils  erhalten  sie  Freistellen  in  den  Nordseehospizen  des  Zweigvereins ­
  für  Kinderheilstätten  nebst  freier  Reise.  Die  in  das  Hospiz  aufzunehmenden
Kinder  dürfen  nicht  jünger  als  4  und  nicht  älter  als  14  Jahre  sein.  Geeignet  zur  Kur  sind
Skrofulöse,  Blutarmut,  Bronchialkatarrh  und  Knochen-  oder  Gelenkaffektionen,  während ­
  Infektionskrankheiten  ausgeschlossen  bleiben.  Mehr  als  40  Arbeiterkinder  konnten
innerhalb  der  letzten  10  Jahre  die  außerordentliche  Heilkraft  verspüren,  welche  Seeluft
und  Seebäder  auf  den  kranken  Organismus  ausüben  und  neugestärkt  wieder  zu  ihren
Eltern  heimkehren.
Den  Schlußstein  in  dem  Gebäude  der  Bienertschen  Wohlfahrtseinrichtungen  und
zugleich  ein  nachahmenswertes  Mittel  zur  Verbreitung  von  Bildung  und  Wissen  in  der
Arbeiterwelt  stellt  die  1906  ins  Leben  gerufene
FREIE  ÖFFENTLICHE  BIBLIOTHEK  IN  DRESDEN-PLAUEN  dar.  Eine  Schöpfung
der  Frau  Erwin  Bienert,  will  die  Bibliothek,  vornehmlich  der  Bevölkerung  der  westlichen
Vorstädte  Dresdens  dienend,  die  mannigfaltigsten  Interessen  der  Leser  eines  guten  Buches
befriedigen.  Die  Anstalt  unterstützt  eifrigst  die  Bestrebungen  des  Dürerbundes,  zielt  im
Gegensatz  zu  der  bisher  vielfach  üblichen  mechanischen  Massenausschleuderung  der
Bücher  zur  Erlangung  hoher  Entleihungsziffern  auf  eine  die  persönliche  Förderungsarbeit
am  einzelnen  ermöglichende  Gestaltung  des  Ausleihverfahrens  hin  und  sucht  vor  allem
der  Jugend  in  der  Auswahl  ihres  Lesestoffes  ein  fachkundiger  Berater  zu  sein.  Die  Zahl
der  Bibliothekbenutzer,  unter  denen  die  Arbeiterkreise  überwiegen,  belief  sich  1911  auf
3608  Personen,  von  denen  50  143  Bände  entliehen  wurden.  Davon  entfallen  19  030  Bände,
gleich  37,95%  auf  die  belehrende  Literatur.  Die  Kinderwelt  ist  mit  511  Lesern  und
7312  Bänden  an  dem  Gesamtergebnis  beteiligt.  Von  den  im  Alter  zwischen  14  und  18  Jahren
stehenden  Jugendlichen  wurden  bei  740  Lesern  9657  Bände  entliehen,  während  an  2357  über
18  Jahre  alte  Personen  33  174  Bände  zur  Ausgabe  gelangten.  Die  Benutzung  der  Bibliothek,  die
zurzeit  einen  Gesamtbestand  von  12000  ausgewählten  Bänden  aufweist,  ist  unentgeltlich.
Wie  hoch  die  Arbeiter  und  Angestellten  die  aufgeführten  zahlreichen  Vergünstigungen
einzuschätzen  wissen,  geht  nicht  allein  aus  der  Tatsache  hervor,  daß  kein  einziger  Streik
das  harmonische  Arbeitsverhältnis  auch  nur  vorübergehend  zu  trüben  vermochte,  sondern
daß  vor  allem  ein  großer  Teil  der  Angestellten  schon  über  25  Jahre  in  den  Betrieben  der
Firma  tätig  mitarbeitet.  Vielen  von  den  Jubilaren,  denen  die  Firma  durch  Überreichung  von
goldenen  Uhren  und  namhaften  Geldgeschenken  eine  besondere  Freude  an  ihrem  Ehrentage
bereitet,  wurden  Orden  oder  das  tragbare  Ehrenzeichen  verliehen  „für  Treue  in  der  Arbeit“!
            
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