Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel II. Höhepunkt und Niedergang der klassischen Schule. Stuart Mill. 383 
geschaffen hat, auf jemand Anderen übergeht, zu einer Rente wird. Der 
Erbe kann tatsächlich sich nicht mehr auf Abstinenz berufen, da diese 
Tugend nicht durch Erbfolge übertragen werden kann, und er hat keinen 
anderen Rechtstitel vorzuweisen als das Glück einer Erbschaft 1 ). 
Was kann sich der revolutionärste Sozialist Besseres als Waffe 
wünschen, um die bestehende wirtschaftliche Ordnung zu vernichten? 
Wie weit sind wir jetzt von der natürlichen Ordnung entfernt! Senior 
kehrt sich aber keinen Augenblick hieran, und die großartige Gleich 
mütigkeit, mit der alle diese Volkswirtschaftler der Schule Ricardo’s das, 
was sie für wahr halten, aussprechen, ohne sich um die Schlüsse zu be 
kümmern, die man daraus zum Weiterbauen oder zum Niederreißen ziehen 
kann, macht wirklich einen prächtigen wissenschaftlichen Eindruck. 
Senior ist es auch gewesen, der dem Wert eine neue Grundlage 
gegeben hat, die Seltenheit oder vielmehr — denn wohlverstanden muß 
es sich immer um etwas handeln, das geeignet ist, irgendein Bedürfnis 
zt * befriedigen — die seltene Nützlichkeit: jedoch ist es gerade das Wort 
Seltenheit, dessen sich später Walras bedient. 
Nicht nur in England, sondern überall wurden die Lehren, die man 
schon damals klassisch nennen konnte, während der ersten Hälfte des 
XIX. Jahrhunderts gelehrt. In Deutschland war es J. H. von Thünen, 
dem wir schon gesprochen haben, und sein Zeitgenosse Rau 2 ). Ln- 
taschadet des wachsenden Einflusses der optimistischen und politisch- 
iberalen Schule, die wir im vorhergehenden Kapitel studiert haben, wird 
d °ch auch in Frankreich die klassische, englische Nationalökonomie von 
einer großen Anzahl von Volkswirtschaftlern vorgetragen, unter denen man 
au ptsächlich Rossi hervorheben muß, dessen Cours d’öconomie 
Politique, 1840 veröffentlicht, einen lang andauernden Erfolg hatte. 
Allerdings beruhte dieser Erfolg nicht so sehr auf irgendeinem besonders 
Abständigen Beitrag zur Wissenschaft, sondern mehr auf der etwas wohl- 
rednerischen Glätte seines Stiles 3 ). 
Khre P' ese Angleichung des Erbes an die Rente macht Senior übrigens wenig 
di 0 “ e beruht auf einer Verwechslung von ganz verschiedenartigen Tatsachen: 
tiruj auTrf * S *" e ' ne reln wirtschaftliche Tatsache, beruht auf natürlichen Ursachen 
sati 0I | < e . n n °twendigen Tauschbedingungen, unabhängig von jeder sozialen Organi 
sche Ti S ° gar von dem individuellen Eigentum; — das Erbe ist eine rein recht- 
Werd e la K Che und ergibt sich aus dem Zivilrecht. Das Erbrecht kann abgeschafft 
rente ,, ne daß d "es irgendetwas an der Bildung und dem Wachstum der Boden- 
UerrseL f der and eren Renten ändert; und umgekehrt unter einer hypothetischen 
kennte <!<:r Voll kommen freien Konkurrenz, unter der die Rente abgeschafft wäre, 
j. das Erbrecht doch mit allen seinen Privilegien weiterbestehen. 
1826 .1 su Kehrbuch der politischen Ökonomie von Rau erschien in den Jahren 
3) p 7 ’ u nd der Isolierte Staat von v. Thünen, 1826. 
lisiert 1 elle ®uno Rossi, italienischer Abstammung, aber 1833 als Franzose natura- 
Wurde’ Wa j ZUerst Professor am College de France, wo er der Nachfolger J.-B. Say’s 
Und späterhin an der Rechtsfakultät (wo er nicht mehr Volkswirtschaft las,
	        
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