Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Drittes  Buch.  Der  Liberalismus

Beeilen  wir  uns  aber,  zu  dem  Volkswirtschaftler  zu  kommen,  der
die  Hauptfigur  dieses  Kapitels  bilden  soll,  zu  John  Stuart  Mill 1 ).  In
ihm  sollte  die  klassische  Nationalökonomie  in  gewisser  Weise  ihren  Höhepunkt ­
  erreichen,  und  mit  ihm  beginnt  auch  ihr  Verfall.  Er  verkörpert  um
die  Mitte  des  XIX.  Jahrhunderts  den  Höhepunkt  ihrer  Kurve.  Was  aber
seine  Persönlichkeit  so  anziehend  und  beinahe  dramatisch  macht,  ist,  daß
er  das  sehr  klare  Gefühl  hatte,  zwischen  zwei  volkswirtschaftlichen  Schulen
wie  zwischen  zwei  Welten  zu  hangen,  einer,  die  ihn  mit  dem  starken  Einfluß
seiner  Erziehung,  durch  die  utiütaristische  Philosophie,  mit  der  er  genährt
worden  ist,  festhält,  und  der  zweiten,  die  ihn  durch  die  neuen  Horizonte
anzieht,  die  Saint-Simon  und  Auguste  Comte  ihm  eröffnen.  In  der  ersten
Hälfte  seines  Lebens  war  er  hauptsächlich  Individualist;  in  der  zweiten
mehr  Sozialist,  aber  unter  Hochhaltung  seines  Glaubens  an  die  Freiheit.
Daher  kommen  die  häufigen  Widersprüche  in  seinen  Schriften  und  sogar
seine  radikalen  Wandlungen,  wie  seine  berühmte  Bekehrung  in  bezug  auf
das  Lohngesetz.  In  seinem  Werke  erscheinen  die  klassischen  Doktrinen
wie  endgültig  festgelegt,  in  so  klaren  Formeln  sind  sie  kristallisiert,  und
doch  beginnen  diese  schönen  Kristalle  bereits  unter  dem  warmen  Hauch
einer  neuen  Zeit  zu  schmelzen.
Er  hat  erklärt,  wie  es  später  die  Theoretiker  der  reinen  Ökononb e
taten,  daß  „die  vergleichenden  Wertungen  des  Ethikers  in  der  Nationalökonomie ­
  nichts  zu  schaffen  haben“,  aber  er  ist  es  auch,  der  an  einer  anderen
Stelle  schreibt:  „wenn  man  zwischen  dem  Kommunismus  mit  allen  seinen
Gefahren  und  dem  gegenwärtigen  Zustand  der  Gesellschaft  wählen  müßtein
  dem  der  Arbeitsertrag  im  umgekehrten  Verhältnis  zur  Mühe,  die  er

sondern  konstitutionelles  Recht,  und  wo  ein  jährlicher  Preis  sein  Gedächtnis  lebend'?
hält).  Er  trat  später  in  den  diplomatischen  Dienst  über  und  wurde  als  Minister  des
Papstes  Pius  IX.  1848  in  Rom  ermordet.
')  John  Stuart  Mill  wurde  im  Jahre  1806  geboren,  als  Sohn  des  Volkswirt"
schaftlers  James  Mill,  von  dem  wir  schon  gesprochen  haben.  Er  erhielt  von  seine'»
Vater  eine  wirklich  übermenschliche  Erziehung,  die  jeden  anderen  als  ihn  schwach
sinnig  gemacht  haben  würde.  Mit  10  Jahren  hatte  er  die  gesamte  Geschichte  nn
die  lateinische  und  griechische  Literatur  durchgenommen.  Mit  13  Jahren  kannte  e ~
die  Geisteswissenschaften  und  die  Philosophie  und  hatte  eine  Geschichte  Roms  S e
schrieben.  Mit  14  Jahren  wußte  er  alles  das,  was  man  zu  jener  Zeit  in  der  Nation»
Ökonomie  kannte.  1829,  23  Jahre  alt,  veröffentlichte  er  seine  ersten  Essais  über  Vol*
Wirtschaft,  1843  ein  großes  philosophisches  Werk:  System  of  Logic,  das  den  Grün
stein  zu  seinem  Ruhme  legte,  und  1848  seine  bewunderungswürdigen  Princip  '
of  political  Economy.  Im  Berufsleben  bekleidete  er  eine  hohe  Stellung  in  der
indischen  Kompagnie  bis  zu  deren  Aufhebung  im  Jahre  1853.  Von  1865—1868  *
er  Mitglied  des  Unterhauses.  Nach  dem  Tode  seiner  Frau,  die  an  mehreren  sei
Bücher  und  besonders  an  dem  über  Liberty  (1859)  mitgearbeitet  hatte,  verbra®
er,  da  er  sich  nicht  von  ihrem  Grabe  trennen  wollte,  die  letzten  Jahre  seines  L®
(1859—1873),  in  Frankreich  (in  Avignon)  (außer  den  Jahren,  die  er  dem  Unter
angehörte).  Er  hat  selbst  sein  Leben  in  seiner  Autobiography  erzählt,  un< ’_ e ®  ^
ganz  besonders  interessant,  darin  seine  Entwicklung  zu  sozialistischen  Ideen  zu  verto  g
            
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