Full text : Die Entwicklung der Weißgerberei

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der  homerischen  Zeit  4 );  auch  in  Deutschland  scheint  bis  gegen  Ende  des
1.  Jahrtausends  die  Lederarbeit  fast  ausschließlich  häusliches  Gewerbe
gewesen  zu  sein;  denn  sie  wird  als  städtisches  Gewerbe  genannt  zuerst
in  Gent  982 2 );  als  sich  dann  in  den  deutschen  Städten  höhere  Formen
des  gewerblichen  Betriebes  anbahnten,  blieb  daneben,  besonders  auf
dem  Lande,  Hauswerk  immer  noch  erhalten  s ),  wie  wir  dies  auch  heute
noch  beobachten  können  in  Georgien 4 ),  in  der  bulgarischen  Zadruga 5 ),  in
der  alten  norwegischen  Landgerberei  ^);  aber  bereits  die  letztere  stellt
eine  Übergangsform  zu  höheren  Betriebssystemen  dar,  indem  der  norwegische ­
  Bauer  sich  einen  Teil  des  Jahres  vorwiegend  mit  der  Landwirtschaft, ­
  einen  anderen  Teil  des  Jahres  vorwiegend  mit  Gerberei
beschäftigt,  in  welch  letzterem  Falle  er  sämtliche  Produktionsmittel  sein
eigen  nennt.  Je  nachdem  in  diesem  Verhältnis  zwischen  Landwirtschaft
und  Gerberei  das  Schwergewicht  sich  auf  die  Gerberei  verlegt  oder  auf
der  Landwirtschaft  ruhen  bleibt,  wird  das  eine  von  beiden  Hauptbeschäftigung, ­
  während  das  andere  als  Beigewerbe  erscheint.  So  hat
sich  der  Nachdruck  bei  den  russischen  Bauern  von  Ackerbau  und  Viehzucht ­
  stellenweise  auf  das  Gerben  verschoben;  in  Jagodnoje  Selo  bei
Kasan  waren  fast  alle  Bauern  Saffiangerber,  in  Katunka  an  der  Wolga
Kalbfellgerber,  und  eine  große  Anzahl  einzelner  Sohl-,  Fahl-  und  Juftenledergerber
  lebten  in  verschiedenen  Dörfern 7 ).  Die  Verhältnisse  sind
bei  den  wenigen  heute  in  den  kleinen  Orten  anzutreffenden  Gerbern  in
Deutschland  noch  die  gleichen.  Um  nur  einige  Beispiele  aus  Gegenwart ­
  und  Vergangenheit  anzuführen:  1621  besaß  der  Weißgerber  in
Vohenstrauß  ein  Haus  samt  Garten,  Feldern  und  Wiesen,  mit  537
Gulden  im  Steuerbuche  angeschlagen,  und  daneben  noch  Viehzucht 3 );
ein  Gerber  in  Kadolzburg  besaß  1855  7%  Tagwerk  Grundbesitz,  ab
1906  16 3 / 4  Tagwerk,  darunter  Hopfengelände,  so  daß  sich  das  Jahreseinkommen ­
  aus  der  Ökonomie  auf  mindestens  950  Mark  berechnen
läßt 3 ).  Ein  anderer  Gerber  hatte  1905  aus  7%  Tagwerk  ein  Einkommen ­
  von  mindestens  400  Mark,  und  als  1912  der  Grundbesitz  auf
14  Tagewerk  gestiegen  war,  bezog  er  ein  jährliches  Einkommen  von
1000  Mark.  Der  ursprünglich  selbständige  Gerber  war  inzwischen  in
eine  größere  Gerberei  eingetreten,  eine  Stellung,  welche  ihm  einen
jährlichen  Lohn  von  800  Mark  einbringt.  In  beiden  Fällen  betrug
das  Einkommen  aus  der  Gerberei  nach  der  Gewerbesteuerrolle  unter
500  Mark.  Ein  anderer  Gerber  in  Mittelfranken  bewirtschaftet  25  Tage') ­
  Riedenauer  1873,  S.  139;  Blümner  1875,  Bd.  I,  S.  256.
-)  Bücher  1839,  S.  196.  ->)  Dunker  1903,  S.  116.
4 )  Gogitschayschwili  1901,  S.  40—41.  6 )  Jwantfchoff  1896,  S.  31.
6 )  Deutsche  Gerberzeitung  1883,  Nr.  36.  7 )  Pallas  1783,  Bd.  IV,  S.  365.
8 )  Sperl  1909,  S.  30.  »)  Kadolzburg  Kataster  1886  ff.
            
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