Full text : Die Entwicklung der Weißgerberei

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werk,  welche  er  teils  in  Eigenbesitz,  teils  in  Pacht  hat;  neben  den
100  Häuten  und  Fellen,  welche  er  durchschnittlich  jährlich  gerbt,  ist  der
Ertrag  aus  der  Ökonomie  ziemlich  bedeutend.  Ein  Gerber  bei  Windsheim ­
  hatte  1886  ein  Einkommen  von  1500—1800  Mark  aus  einem
Grundbesitz  von  35  Tagwerk,  und  ein  Weißgerber  in  Sachsen  besitzt
eine  Ökonomie  von  30  Scheffel  Land  und  4  Kühen;  dieser  letztere
Grundbesitz  verteilt  sich  so,  daß  23  Scheffel  Acker  einen  jährlichen
Ertrag  von  etwa  100  Ztr.  Korn  bedeuten,  die  übrigen  7  Scheffel  als
Wiese  für  die  Viehzucht  erhalten  werden.  In  all  den  letztgenannten
Fällen  ist  das  Einkommen  aus  der  Ökonomie  größer  als  aus  der
Gerberei;  man  sieht  aus  den  Beispielen  einerseits,  wie  das  Verhältnis
zwischen  Gerberei  und  Landwirtschaft  ein  wechselndes  ist,  andererseits
aber,  wie  der  Besitz  von  genügendem  Grund  und  Boden  einen  leicht
zu  bewerkstelligenden  Rückzug  der  kleinen  Gerber  auf  das  sichere  Einkommen ­
  aus  der  Landwirtschaft  zuläßt;  ein  derartiger  Rückgang  des
Gewerbes,  also  eine  Rückkehr  zum  originären  Nahrungserwerb  durch
Ackerbau  und  Viehzucht,  ist  eine  für  Weißgerber  seltene,  allerdings  nur
in  dünner  besiedelten  Gegenden  mögliche,  aber  sehr  begrüßenswerte  Erscheinung, ­
  weil  solche  Vorgänge  schwierige  soziale  Probleme  nicht  erzeugen. ­
  Die  kleineren  wohlhabenden  Gerber  mit  Grundbesitz  gestehen
fast  alle,  daß  schon  ihr  Vater  und  Großvater  den  Grund  ihres  Wohlstandes ­
  mit  der  Ökonomie  gelegt  habe,  während  sie  andererseits  zugeben,
daß  der  Verdienst  aus  dem  Handwerk  ein  leichterer  sei,  weil  ihnen  die
Gerberei  für  den  Fall  flotten  Geschäftsganges  in  sechs  oder  sieben
Arbeitsstunden  ebenso  viel  einträgt,  als  die  Landwirtschaft  in  einer
mühsamen,  langen  Tagesarbeit.  Hauswerk,  Lohnwerk,  Preiswerk,  Gewerbe
und  Landwirtschaft  gehen  bei  diesen  kleineren  Landgerbern  in  buntem
Gewirr  durcheinander,  und  das  scheint  nach  den  oben  angeführten  Beispielen ­
  dieser  Kategorie  schon  immer,  vielleicht  schon  seit  homerischen
Zeiten,  so  gewesen  zu  sein,  so  daß  es  schwierig  ist,  diese  Kategorie  von
gewerblichen  Arbeitern  eindeutig  in  dem  scharfen  System  klarer  Defiuitiouen
  unterzubringen;  ihr  Grundbesitz  ist  wechselnd,  das  Einkommen
uus  dem  Gewerbe  ist  schwankend,  die  Betriebsformen  des  Gewerbes
gehen  so  bunt  und  verwirrt  durcheinander,  daß  Hauswerk  über  Lohnb>erk
  und  Preiswerk,  selbst  bis  zur  Fabrikarbeit,  an  dem  gleichen  Tage
nebeneinander  an  den  gleichen  Produzenten  beobachtet  werden  können,
wobei  je  nach  der  momentanen  Lage  der  Verhältnisse  alles  nebeneinander ­
  besteht,  oder  der  eine  Teil  auf  Kosten  des  anderen  zeitenweise
zurückgeht  oder  verschwindet;  die  Formen  des  gewerblichen  Betriebes
sind  eben  mehr  oder  weniger  theoretische  Abstraktionen,  deren  reinliche
Scheidung  das  praktische  Leben  nur  selten  kennt.
Eine  eigentümliche  Form  des  Gewerbebetriebes,  welche,  wie  alle
            
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