Object: Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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Wortführern der bürgerlichen Parteien in der Stadtverordnetenversammlung 
gegen die Angaben und Forderungen der Petition ins Feld geführt 
worden waren. Sie legten diese Abwehr in Resolutionen nieder, die aufs 
neue und eindringlich die Forderung auf Abhilfe erhoben. Aber das 
Resultat blieb das gleiche. Auch die zweite Petition ward am 12. Februar 
von der Stadtverordnetenversammlung abgelehnt. Noch herrschte im Roten 
Lause die Manchesteridee fast unbeschränkt. Die freie Konkurrenz, das sich 
selbst überlassene Walten der wirtschaftlichen Kräfte sollten durch keine irgend 
wie durchgreifenden Gegenmaßregeln beeinträchtigt werden, dann werde die 
Peilung um so schneller kommen. Mit Trostesworten dieser Gattung und 
dem Pinweis darauf, daß in äußersten Fällen Almosen verabfolgt werden 
würden, wurden die Arbeitslosen abgespeist. 
Die Peilung kam aber nicht so schnell. Der Winter 1891/92 sah noch 
größeren Notstand und demgemäß in erhöhtem Grade den Drang, für Ab 
hülfe zu demonstrieren. Am 8. Januar 1892 fanden denn auch in den glcicken 
Räumen wie im Vorjahr wieder zwei große Arbeitslosenversammlungen 
statt, die die Forderung auf Abhilfe erhoben. Sie nahmen äußerlich eiuen 
ruhigen Verlaus und — blieben von den Behörden unberücksichtigt. Zum 
Teil deshalb endete eine gegen sieben Wochen später veranstaltete De 
monstration arbeitsloser Bauhandwerker weniger harmlos. Nach Schluß 
der Versammlung, die der Auflösung verfiel, zogen Trupps meist jüngerer 
Arbeitsloser und solcher junger Burschen, die sich überall einfinden, wo es 
außergewöhnliches gibt, in die innere Stadt nach den Linden und dem 
Schloß zu. Anterwegs und auf dem Schloßplatz kam es zu Zusammenstößen 
zwischen den einzelnen Trupps und den sie auseinandertreibenden Schutzleuten, 
wobei den letzteren aus der Menge heraus mit Steinwürfen geantwortet 
wurde. Auch wurden einige Läden mit Nahrungsmitteln geplündert. 
Das alles entsprach so wenig der von der Sozialdemokratie verfochtenen 
und den Arbeitern eingeprägten Verhaltungsweise, daß sich in sozialistischen 
Kreisen sofort der Verdacht regte, Lockspitzel müßten bei der Sache die 
Land im Spiele gehabt haben, und der „Vorwärts" gab dem auch unver 
hohlen Ausdruck und sprach sich über die Teilnehmer an den Trupps höchst- 
wegwerfend aus. Es seien fast nur halbwüchsige Burschen und von 
zweifelhaften Gestalten geführtes Straßengesindel — „Ballonmützen" — 
gewesen. Das ward ihm sehr verargt, und namentlich die damals noch 
ziemlich zahlreichen Unabhängigen zogen in ihrem Organ und in Versamm 
lungen heftig gegen diese vermeintliche Beschimpfung notleidender Proletarier 
los. Indes waren es tatsächlich fast nur junge Leute, die wegen der Exzesse 
sistiert wurden und später — am 19. und 22. März, am 9. und 26. April 
und am 2. und 3. Mai 1892 — vor Gericht kamen, das ungemein hohe 
Strafen über sie verhängte. Der „Vorwärts" hatte zu starke Verall 
gemeinerung geübt, aber nicht unrichtig geurteilt, wenn er behauptete, daß 
die eigentlichen Arbeitslosen bei den Zügen in die innere Stadt gar nicht 
beteiligt gewesen seien. Daß dies auch die Meinung vieler Arbeiter war, 
zeigte sich in einer zweiten Versammlung arbeitsloser Bauhandwerker, die 
ani 12. März 1892 im großen Saal der Brauerei Tivoli stattfand. Es 
kam daselbst wegen der Behauptungen des „Vorwärts" zu lebhaften Aus 
einandersetzungen mit den Unabhängigen, aber nur eine Minderheit der 
Versammlung stimmte den Angriffen dieser auf den „Vorwärts" bei.
	        
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