206 Zweiter systematisch-theoretischer Teil
45, und zwar desto geringer, je ungünstiger die Sterblichkeitsverhältnisse
sind. Nach der Sterbetafel des Jahrzehnts 1871 —1880
haben nun die männlichen Personen während des produktiven Zeitabschnittes
36,19 Jahre durchlebt, nach der neuesten Sterbetafel
dagegen (1910—11) 38,72 Jahre. Im ersteren Falle sind also durch
Sterben vor Beendigung des 60. Lebensjahres 8,81, im letzteren
Falle nur 6,28 Jahre verloren gegangen. Die Besserung der Sterblichkeitsverhältnisse
hat bei jedem Manne die Zeit der Produktivität um
durchschnittlich 2% Jahre verlängert. Da nun jährlich im Deutschen
Reiche etwa 665000 männliche Personen in das 16. Lebensjahr
eintreten, so hat allein durch die Besserung der Sterblichkeitsverhältnisse
jede Generation ı %, Millionen Arbeitsjahre gewonnen“ ?).
Würde man dieser Berechnung den besonders starken Rückgang
der Sterblichkeit zugrunde legen, wie er in der Sterbetafel für
die Jahre 1924/26 zum Ausdruck kommt, so würde das positive
wirtschaftliche Ergebnis noch viel größer sein. Betrachtet man unter
diesem Gesichtspunkt die oben wiedergegebene deutsche Sterbetafel,
so sieht man z. B., daß die mittlere Lebenserwartung für Männer
des 30. Lebensjahres in den Jahren 1924/26 noch etwas größer war,
als die mittlere Lebenserwartung für das Alter von 20 Jahren in
dem Jahrzehnt 1871/80; die Lebenserwartung im 40. Lebensjahr war
in den letzten Jahren fast ebenso groß wie damals diejenige im
30. Lebensjahr. Der Rückgang der Sterblichkeit hat also in diesen
Altersklassen zu einem ganz beträchtlichen Gewinn an Lebensjahren
geführt. In den Vereinigten Staaten von Amerika hat man sogar
neuerdings den Versuch gemacht, den Geldwert der Verlängerung
des menschlichen Lebens zu berechnen. Für die Periode von 1901
bis 1924 kam man hier auf Grund der Verminderung der Sterblichkeit
bei beiden Geschlechtern zu einem Gewinn von 3450 Millianen
Dollar ?).
Allerdings muß in diesem Zusammenhang auch darauf hingewiesen
werden, daß eine solch starke Zunahme der mittleren Lebensdauer
gerade in den arbeitsfähigen Altersklassen das Freiwerden
*) Statistik des Deutschen Reiches, Bd. 246, 1913, S. 11.
’) Dublin u. Lotka, The money value of life and life extension, American
Journal of Public Health, Bd. ı7, 1927, S. 547. — Zit. nach dem Bericht des
Deutschen Stat. Zentralblattes, 19. Jahrg., S. 180/81. — Vgl. dazu ferner A. Niceforo,
Anthropologie der nichtbesitzenden Klassen, Deutsch 1910, S. ı51ff. — A. Elster,
Sozialbiologie, 1923, S. 333ff. — Seiffert, Säuglingssterblichkeit, Volkskonstitution
a. Nationalvermögen, Jena 1905.