2. Kap. Volkszahl und Volkswachstum 297
neuer Arbeitsstellen für die heranwachsende Generation vermindern
kann; damit können ungünstige Wirkungen auf dem Arbeitsmarkt
eintreten, wenn nicht gleichzeitig die Wirtschaft einen solchen Aufschwung
nimmt, daß dadurch ein Ausgleich geschaffen wird. Es
sei dafür nur auf das starke Ansteigen der Erwerbsziffer in
Deutschland in der Nachkriegszeit verwiesen. Bei all diesen Überlegungen
handelt es sich natürlich immer nur um Anhaltspunkte,
um zu erkennen, daß der Verminderung der Sterblichkeit ein wirtschaftlicher
Wert zukommt. Ob dieser Rückgang der Sterblichkeit
rein wirtschaftlich gesehen diesen Wert auch wirklich hat, hängt
von den Zusammenhängen zwischen Wirtschaft und Bevölkerung in
dem betreffenden Lande, d. h., von der Verwertungsmöglichkeit zusätzlicher
menschlicher Arbeitskraft ab. Der Wert solcher Arbeitskraft
wird ein ganz anderer dort sein, wo die Verwendung solcher
Arbeitskraft zu immer günstigeren Produktionserfolgen führt, als
dort, wo vielleicht unter der Herrschaft des Bodengesetzes oder
anderer ungünstiger Einwirkungen das Umgekehrte der Fall ist.
Wir können uns auch im Anschluß an Malthus die Sterblichkeit
als repressives Hemmnis vorstellen, wenn die Bevölkerung eines
Landes zu sehr gegen dessen Nahrungsspielraum preßt und müssen
dann daran denken, daß ein Rückgang der Sterblichkeit das Volkswachstum
eines Landes vielleicht so beschleunigt, daß, wenn der
Nahrungsspielraum nicht entsprechend zunimmt, ein größerer Teil
der Bevölkerung als zuvor zur Auswanderung gezwungen ist. Unter
solchen Gesichtspunkten betrachtet, wird dann der rein ökonomische
Vorteil bei einer Abnahme der Sterblichkeit für das betreffende Land
geringer sein, als es in solchen Berechnungen zum Ausdruck kommt.
Aber trotzdem wird man derartigen Überlegungen einen gewissen
Erkenntniswert für die Zusammenhänge von Bevölkerung und Wirtschaft
zuerkennen müssen.
Freilich hat man. auch schon in dem starken Rückgang, besonders
der Säuglingssterblichkeit, eine Erscheinung erblicken wollen,
die keineswegs ohne weiteres als günstig, auch nicht unter wirtschaftlichen
Gesichtspunkten, beurteilt werden dürfe. Man hat vielmehr
die Auffassung vertreten, daß eine hohe Säuglingssterblichkeit
im Sinne der Darwinschen Lehre als natürliche Auslese wirke,
daß eine hohe Säuglingssterblichkeit eine geringere Sterblichkeit in
den höheren Lebensaltern zur Folge habe und einen günstigen
Einfluß auf die ganze Leistungsfähigkeit der Überlebenden in
biologischer und wirtschaftlicher Hinsicht ausüben müsse, Um diese
keineswegs einfach zu beantwortende Frage ist ein lebhafter Streit