208 Zweiter systematisch-theoretischer Teil
antstanden. Die Gegner dieser Meinung !), daß eine geringe Säuglingssterblichkeit
einen ungünstigen Einfluß auf die Wertigkeit der Überlebenden
ausübe, haben ihre Auffassung namentlich durch den Hinweis
zu begründen versucht, in den Gebieten mit hoher Säuglingssterblichkeit
sei auch die Sterblichkeit in den späteren Lebensjahren
hoch; eine hohe Säuglingssterblichkeit bedeute eben nicht, daß nur
schwache und lebensunfähige Kinder fortsterben, auch kräftige und
lebensfähige werden in großer Zahl im ersten Lebensjahre, vor allem
auch infolge der Ungunst äußerer, sozialer Verhältnisse, durch den
Tod hinweggerafft. So viel Richtiges auch diese Anschauung hat,
so wenig man den selektiven Wert der Säuglingssterblichkeit, wie
das schon geschehen ist, übertreiben darf, so möchte ich doch den
besonnenen Darlegungen Schallmayers zustimmen, der trotz aller
dieser z. T. berechtigten Einwände daran festhält, „daß sich unter
den gestorbenen Säuglingen verhältnismäßig mehr schwache Konstitutionen
befanden, als unter den Überlebenden“ ?), daß also Kindersterblichkeit
niemals ohne Auslesewirkung zugunsten der widerstandsfähigen
Konstitutionen „sein kann. Allerdings kann darin niemals
irgendein Einwand gegen alle die Maßnahmen liegen, die Sterblichkeit
im Säuglings- und Kindesalter weiter zu bekämpfen. Auch
Schallmayer betont, „daß das Interesse für die Rassetüchtigkeit
unserer künftigen Generation nicht beanspruchen kann, für
unser ganzes Tun und Lassen unbedingt maßgebend zu sein, ohne
jede Rücksicht auf die uns unmittelbar berührenden sozialen und
individuellen Interessen“,
Freilich kann auch eine Abnahme der Sterblichkeit auf die
Dauer ungünstig auf die Arbeitsfähigkeit eines Volkes wirken;
das ist dann der Fall, wenn sie zu einer Zunahme der höberen,
wenig arbeitsfähigen Altersklassen führt. Ein gewisser Ausgleich
kann dagegen dadurch entstehen, daß auch gleichzeitig die Geburtenhäufigkeit
einen Rückgang erfährt und daß damit der Anteil derer
an der Bevölkerung zurückgeht, die als noch nicht im arbeitsfähigen
Alter befindlich, nur passive Glieder der Gesellschaft sind. Das muß
sich aber im Laufe der Zeit ausgleichen, da bei einer Abnahme der
Geburtenhäufigkeit auch die Zahl derer abnehmen muß, die in das
arbeitsfähige Alter hineinwachsen. Ein deutliches Beispiel dafür hat
1) Siehe dazu S. Kuzuya, Säuglingssterblichkeit u. Wertigkeit der Überlebenden.
Z. f. Säuglingsfürsorge, Bd. 4, 1910. — Prinzing, Handb. d. med. Stat. 1906,
S. 257ff. — Ders. Die angebliche Wirkung hoher Kindersterblichkeit im Sinne Darwinscher
Auslese. Zentralbl. f. öffentl. Gesundheitspflege, 1913.
?) W. Schallmayer, Vererbung u. Auslese, 3. Aufl., 1918, S. 154ff.