Weltanschauung
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zelnen: denn wie soll denn z. B. das Erbrecht verschwinden, der
Geschlechtsverkehr kontrolliert werden ohne schärfsten Sozialis—
mus oder Kommunismus? Die physiologische Ethik forderte
also zu ihrer Durchführung eben die soziologische Seite der
darwinistischen Sittenlehre, und auch sie wieder in ihrem
Extrem, in einem äußersten Altruismus.
Da zeigt sich also klar: zieht man alle biologischen Prinzipien
der Entwicklungslehre in Betracht, so wie sie Darwin vortrug,
und wird man nicht bloß von dem Gedanken der entwicklungs⸗
mäßigen Ungleichheit der Menschen und dem Phantasma einer
raschen Emporläuterung der höchstentwickelten zu einer neuen
phyfiologischen Daseinsstufe erfaßt, so wird durch den Evolutio—
nismus der alte Gegensatz zwischen Egoismus und Altruismus,
zwischen persönlichen und sozialen Trieben und Anforderungen
des Einzelnen und des Ganzen keineswegs beseitigt. Nur das
läßt sich allenfalls sagen, daß er gegenüber dem Hergebrachten
eine gewisse, zunächst allerdings nur theoretische Verschärfung
erfährt.
Enthielt mithin, so allseitig betrachtet, die Entwicklungs—
lehre wirklich die Gärungsstoffe einer neuen Ethik? Keines⸗
wegs: das uralte Problem der Abfindung mit dem Gegensatze
des Allgemeinen und Besonderen blieb bestehen; und alle
Systeme, die es auf Grund der Entwicklungslehre für erledigt
erklärten und aufheben wollten, scheiterten.
Von allen diesen Versuchen aber bietet ein weiteres ge—
schichtliches Interesse im Grunde nur einer: der von der
Sozialdemokratie gemachte.
Virchow hatte auf der Münchener Naturforschervers ammlung
vom Jahre 1877 das Wort fallen lassen, die Darwinsche
Theorie führe zum Sozialismus. Möglicherweise ist das der
Anlaß gewesen, daß sich der sozialdemokratische Führer Bebel
des Darwinismus zur Begründung einer neuen Ethik annahm.
Freilich unter starken Zumutungen an Leichtgläubigkeit und
Gutherzigkeit. „Das Darwinsche Gesetz des Kampfes ums
Dasein“, so führt er aus, „das darin gipfelt, daß das höher
—DDD00———— niedere verdrängt