Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

100  Zweiter  Teil.  Handel.  III.  Zur  Geschichte  von  Handel  und  Industrie  rc.

Der  Handel  beschränkte  sich  naturgemäß  auf  solche  Gegenstände,  deren  Versendung ­
  mittels  der  damaligen  Transportmittel  ohne  übermäßige  Verteuerung  mög,
lich  war.  Dadurch  waren  die  wichtigsten  Gegenstände  des  jetzigen  Großhandels
diesen  ausgeschlossen.  Der  Kaufmann  war  vorzugsweise  Kleinhändler.  Manche
Handelszweige  knüpften  sich  fast  ausschließlich  an  bestimmte  Geschäfte.  Wer  z.  V
in  Kassel  Kinderspielzeug  kaufen  wollte,  ging  zu  dem  „Bilderkrämer"  am  Markte'
Für  manche  Handelszweige  hatten  auch  noch  die  Ausländer  einen  hergebrachtes
Vorzug.  Südfrüchte  führte  „der  Italiener".  Auch  der  einzige  Kunsthändler  (Bostnelli),
  sowie  der  Verfertiger  von  Wettergläsern  (Fiorino)  waren  italienischer  Herkunft. ­
  Der  erste  Hutmacher  Kassels  war  ein  Franzose  (Parisot).  Die  Inhaber  der
Konditoreien  nannte  man  „Schweizerbäcker";  und  mehrere  derselben  entstammte^
auch  wirklich  dem  Engadin.  Endlich  gab  es  damals  in  Kassel  auch  noch  eine^
Schwertfeger,  in  dessen  Schauladen  zwei  geharnischte  Männer  das  Staunen  von  unZ
Kindern  erregten.  Seitdem  ist  dieses  Gewerbe  völlig  ausgestorben.
Noch  wenig  entwickelt  war  die  Reklame.  Zwar  hatte  man  schon  Schaulädeg
an  den  Fenstern:  aber  sie  waren  von  bescheidener  Einrichtung,  und  niemand  dachte
daran,  durch  kolossale  Spiegelscheiben  und  prachtvolle  Warenauslagen  dem  Publikum
zu  imponieren.  Öffentliche  Anschläge,  die  an  den  Straßenecken  gemacht  wurden,  ^
denn  die  Litfaßsäulen  sind  erst  seit  1867  eingeführt  —  kamen  nur  zu  Meßzeiten  für
Sehenswürdigkeiten  vor.  Aber  auch  die  Reklame  durch  die  Zeitungen  wurde  nicht
in  der  gegenwärtigen  Weise  betrieben.  Wohl  machte  derjenige,  welcher  ein  Geschäft
eröffnete  oder  sein  Geschäftslokal  verlegte,  sowie  auch  derjenige,  welcher  soeben  eine
neue  preiswürdige  Sendung  von  Waren  empfangen,  dies  durch  die  Zeitung  bekannt.
Auch  fremde  Kaufleute,  welche  die  Messe  beziehen  wollten,  pflegten  dies  durch  die
Zeitung  anzukündigen.  Aber  das  ständige  Wiederholen  der  nämlichen  Anzeige  unter
Benutzung  aller  denkbaren  Formen  der  Anpreisung,  wie  es  jetzt  vielfach  vorkommt,
ist  erst  im  letzten  Menschenalter,  und  zwar  durch  das  Beispiel  Johann  Hoffs,  aufgekommen, ­
  der  auf  diese  Weise  seinen  Malzextrakt  zu  einer  europäischen  Berühmtheit
gemacht  hat.  Man  gewinnt  ein  anschauliches  Bild  dieses  Gegensatzes,  wenn  map
einmal  den  einfachen  Anzeigen  einer  damaligen  Zeitung  die  Anzeigespalten  eines
vielgelesenen  heutigen  Lokalblattes  gegenüberhält.  Ist  es  doch,  als  ob  für  jede  Anzeige ­
  ein  besonderer  Druck  erfunden  wäre,  um  nur  recht  auffällig  dem  Leser  in  die
Augen  zu  leuchten.  Und  was  alles  wird  dort  angezeigt!  „Heute  geschlachtet"  wiederholt ­
  sich  unzähligemal;  als  ob  auch  jedes  Borstentier  einer  Todesanzeige  bedürfte.
Dieses  Reklamewesen  hat  aber  Bedeutung  nicht  allein  für  Handel  und  Wandel,  sondern
für  den  Bestand  der  Zeitungen  gehabt,  deren  viele  aus  demselben  ihre  reichste  Einnahme ­
  beziehen  und  dadurch  ihre  Existenz  sichern.
Ein  erst  seit  einem  Menschenalter  üblich  gewordenes  Mittel,  Industrie  und
Handel  zu  fördern,  find  auch  die  Ausstellungen,  die  man  nach  dem  ersten  Vorgänge
der  Londoner  Ausstellung  von  1851  an  vielen  Orten  bald  in  größerem,  bald  in
kleinerem  Umfange  veranstaltet  hat.
Die  Schwierigkeiten,  welche  dem  deutschen  Handel  aus  der  Verschiedenheit  der
deutschen  Münzwährung  erwuchsen,  haben  bis  zu  der  jüngsten  Reichsgesetzgebung
fortgedauert  und  sind  daher  in  aller  Erinnerung.  Sie  sind  sogar  im  Laufe  der
mittleren  Jahrzehnte  des  19.  Jahrhunderts  noch  gewachsen  durch  die  Flut  papierner
Wertzeichen,  welche  jeder  kleine  deutsche  „Raubstaat"  und  jede  Bank  nach  Belieben
in  die  Welt  sandte.  Dazu  kam,  daß  das  damalige  Silbergeld  nur  schwer  zu  verführen ­
  war.  Bedurfte  z.  B.  ein  Kasseler  Bankier  baren  Geldes,  so  ließ  er  ein
Füßchen  voll  Silbertaler  wohlverpackt  durch  die  Post  von  Frankfurt  kommen.
Reisende  pflegten  zur  Bestreitung  ihrer  Reisekosten,  statt  baren  Geldes,  Kreditbriefe
            
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