Full text: Kaufmanns Herrschgewalt

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VI. Wie kann man ein Vermögen erwerben? 
ich ausdrücklich bemerken, daß ich hier nur die glücklichen jungen 
Leute im Auge habe, die sich ihren Lebensunterhalt verdienen 
müssen; dagegen ist der Verfasser dieser Zeilen der Allerletzte, 
denjenigen, welche genügende Mittel besitzen, gegen eine aka 
demische Bildung zu raten: ist doch mit ihr verglichen aller Geld 
gewinn, selbst des vielfachen Millionärs wertlos. Für den Armen 
aber ist es erste Pflicht, ein hinreichendes Vermögen zu erwerben, 
und Pflichterfüllung ist mehr wert, als alle Universitätsbildung 
wert sein mag. Höhere Bildung gibt dem, der sie wirklich voll 
in sich aufnimmt, einen vornehmen Geschmack und höhere Ziele, 
als der Erwerb von Reichtümern; sie öffnet ihm eine Welt voll 
Entzücken, zu welcher dem, der nichts anderes als ein Millionär 
ist, der Schlüssel fehlt; daher liegt in dem Beweis, daß höhere 
Bildung nicht die beste geschäftliche Erziehung ist, zugleich die 
Anerkennung ihres Anrechtes für eine höhere Welt. Wahre Er 
ziehung kann auch 1 außerhalb der Schulen erlangt werden; das 
Genie pflegt für gewöhnlich nicht in Akademien einheimisch zu 
sein; es gleicht einer wilden im Walde aufwachsenden Blume, die 
keiner Pflege von seiten der Gesellschaft bedarf — die Durch 
schnittsbegabung dagegen bedarf der Universitäten. 
Der junge Praktiker, welcher an der Wechselbank oder am 
Zahltisch steht und dem sich die holde Göttin Fortuna bis dahin 
noch nicht geneigt erwiesen, mag zu dem Schlüsse kommen, daß! 
es für ihn unmöglich ist, in unserer Zeit ein eigenes Geschäft zu 
gründen. Darin liegt etwas Wahres. Zweifellos wird es heutzu 
tage unendlich schwieriger, ein neues Geschäft anzufangen, als 
früher; dennoch besteht die Schwierigkeit mehr in der veränderten 
Art und Weise als in der Möglichkeit der Sache selbst. Denn es 
ist heutzutage auch um ein Bedeutendes leichter für einen ge 
schickten jungen Mann, eine Teilhaberschaft in bereits bestehenden 
Firmen zu erwerben, als es jemals vorher war. Die Fähigen finden 
die Türen keineswegs verschlossen; im Gegenteil, die Pforten 
öffnen sich ihnen jetzt viel leichter. Kapital ist dabei heute nicht 
nötig und selbst Familieneinfluß zählt nicht mehr, wie in alten 
Zeiten. Wahre Geschicklichkeit und wirkliche Leistungsfähigkeit 
waren niemals gesuchter als eben jetzt, und haben niemals vorher 
einen so hohen Lohn gefunden.
	        
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