III. Kartell und Konjunktur.
55
Mit Depression bezeichnet man eine Abschwächung der
Konjunktur zu Zeiten einer gut gehenden Wirtschaftsperiode;
sie ist also nicht eine Übergangszeit zwischen Hochkonjunktur
und Krisis, wohl kann sie es aber sein. Solche Depressionszustände
oder weniger gut Übergangskrisen genannt,
sind Störungen des wirtschaftlichen Lebens, die nicht immer
eine Hausseperiode abzulösen brauchen, sondern mitunter
den normalen Verlauf des wirtschaftlichen Lebensprozesses
nur in Unordnung bringen, mit Umwälzungen verbunden sind
und zuweilen langwierige Übergangsperioden zeitigen, deren
Veränderungen vielleicht endgültige werden.
Ich sehe von allen weiteren Definitionen ab und zitiere
einen Verteidiger der spekulativen Ausnutzung der
Konjunktur, Cohn, und einen naturgemäßen Feind der Konjunktur
und Spekulation, Lassalle. Cohn 1 ) sagte: „Die Spekulation
ist der Kampf der mit den wißbaren Umständen
ausgerüsteten Intelligenz gegen die rohe Naturmacht des
Zufalls.“ Es sagt dies als Erwiderung auf Lassalles Ausspruch,
der die Spekulation als das „übernatürliche, metaphysische
Raten auf die Wirkungen“ bezeichnet, welche unwißbare
Umstände hervorbringen. Die Konjunktur nennt
Lassalle, „das Band der gesellschaftlichen Zusammenhänge,
welches alle existierenden unwißbaren Umstände miteinander
verbindet“. Lassalle * 2 ) führt des näheren hierüber aus: „Wenn
gesellschaftliche Einrichtungen existieren (das ganze volkswirtschaftliche
System), welche diese Solidarität nicht anerkennen
und regeln, so existiert diese Solidarität nichtsdestoweniger
fort; aber sie kommt nun als eine ihre Verkennung
rächende rohe Naturwelt, als ein Schicksal zum Vorschein,
welches Ball spielt mit der vermeintlichen Freiheit des
auf sich selbst angewiesenen Einzelnen. Der Eine wird hoch
aufgeschnellt in diesem Spiel, das unbekannte und um, so mehr
unbeherrschte Mächte mit ihm, treiben, hoch hinauf in den
Schoß des Reichtums — hundert andere werden tief hinabgestürzt
in den Abgrund der Armut, und das Rad der gesellschaftlichen
Zusammenhänge geht umprägend und zerquetschend
über sie und ihre Handlungen, über ihren Fleiß und
ihre Arbeit hinweg. Der Zufall spielt Ball und die Menschen
sind es, die in diesem Spiel als Bälle dienen.“
*) Cohn, System der Nationalökonomie.
2 ) Lassalle, „Kapital und Arbeit“, p. 40 ff.