Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

78

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Ausdrücke,  die  man  damals  als  Synonyme  anwendete.  Auch  Smith
hat  sich  dieser  Gedankenverbindung  nicht  entziehen  können.  Indem
er  den  „natürlichen“  Ursprung  der  wirtschaftlichen  Einrichtungen
dartat,  glaubte  er  zugleich  ihren  nützlichen  und  wohltätigen  Charakter ­
  zu  beweisen v ).  Heute  ist  diese  Verwirrung  nicht  mehr  gestattet: ­
  den  Ursprung  der  wirtschaftlichen  Einrichtungen  wissenschaftlich ­
  festzustellen,  und  ihren  Wert  vom  Gesichtspunkt  der  Allgemeinheit ­
  aus  zu  beurteilen,  sind  zw'ei  gleich  berechtigte,,  aber  sehr
verschiedene  Ziele  geistiger  Tätigkeit.  Man  kann  mit  Smith  annehmen, ­
  daß  unsere  wirtschaftliche  Gesellschaft  in  ihrem  Ursprung
und  ihrer  Funktion  etwas  von  der  Spontaneität  der  großen  natürlichen ­
  Entwicklungen  hat,  —  ohne  deshalb  zuzugeben,  daß  sie  die
beste  aller  möglichen  sei.  Der  Pessimismus  kann  ebensogut  wie  der
Optimismus  sich  aus  dem  Anblick  des  spontanen  wirtschaftlichen
Lebens  ergeben.  So  sehr  uns  auch  der  Gedanke  von  der  Selbstentstehung ­
  der  grundlegenden  wirtschaftlichen  Einrichtungen  richtig
und  fruchtbar  zu  sein  scheint,  so  sehr  scheint  uns  die  von  Smith
gegebene  Darlegung  ihres  wohltätigen  Charakters  ungenügend.
Die  erste  ist  von  den  größten  Nationalökonomen  angenommen  worden.
Die  zweite  wird  heute  von  fast  allen  verworfen.  Wir  werden  daher
diese  beiden  Ideen,  die  eine  bedeutende  Kolle  in  der  Geschichte  der
ökonomischen  Lehren  gespielt  haben,  gesondert  betrachten.
Der  Gedanke  der  Selbstentstehung  der  wirtschaftlichen  Einrichtungen ­
  ist  einer  von  jenen,  auf  die  Smith  am  häufigsten  zurückkommt. ­
  „II  mondo  va  da  se“,  die  Welt  geht  von  selbst,  könnte
er  mit  den  Physiokraten  gesagt  haben.  Sie  brauchte,  um  sich  zu
organisieren,  keines  Dazwischentretens  eines  vorsorgenden  und  vernünftigen ­
  Kollektivwillens,  keines  vorhergehenden  Einverständnisses
zwischen  den  Menschen.
Diesen  Gedanken  ruft  das  Studium  der  ökonomischen  Welt  in
A.  Smith  stets  von  neuem  wach.  Die  spontanen  Handlungen  von
tausenden  und  abertausenden  Einzelpersonen,  die  eine  jede  für  sich
ihre  eigenen  Wege  gingen,  ohne  sicli  um  die  anderen  zu  kümmern,
und  die  keine  Ahnung  davon  hatten,  welche  sozialen  Ergebnisse  ihre
Taten  zeitigen  sollten,  haben  genügt,  um  dem  wirtschaftlichen  Leben
sein  heutiges  Aussehen  zu  geben.  In  seinen  großen  Zügen  ist  das
bestehende  ökonomische  Weltbild  nicht  nach  einem  bestimmten  Gesamtplan ­
  eines  organisatorischen  Gehirnes  entworfen  und  von  einer
intelligenten  Gesellschaft  mit  voller  Überlegung  ausgeführt  worden,
*)  Vgl.  über  den  Zusammenhang  des  Systems  von  A.  Smith  mit  der  Philosophie
seiner  Zeit  W.  Hasbach:  Die  allgemeinen  philosophischen  Grundlagen
der  von  F.  Qoesnav  und  A.  Smith  begründeten  politischen  Ökonomie,
Leipzig  1890.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.