Full text: Gesellschaftslehre

134 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft. 
und in der Regel, wenn sie das tut, den wirksameren Partner be- 
deutet. 
9. Auch auf die verbale Beeinflussung von Handlun- 
x en findet unsere frühere Betrachtung entsprechende Anwendung. Auch 
jede Aufforderung zur Handlung hat eine Tendenz, ihre Realisierung 
herbeizuführen; und auch hier gibt es dieselben hemmenden, fördern- 
den und steigernden Einflüsse. Namentlich wird dem Führer im Ge- 
meinschaftsleben der Gruppe die volle Unterordnung ($ 5) entgegen- 
gebracht; die Aneignung seiner Person enthält dabei die Aufnahme 
seines Willens bereits in sich. Die verbale Beeinflussung erweist sich hier 
wie vorhin als ein Teilphänomen der Unterordnung. Auch in allen Herr- 
schaftsverhältnissen, die sich durch ihren verwickelteren Bau und eine 
rrößere Distanz von dem Gemeinschaftsleben der Gruppe unterscheiden, 
ist die Autorität von gleicher Bedeutung und bildet die wesentliche 
Grundlage für den Gehorsam, auf dem diese sich aufbauen. 
Einen besonderen Typus gesteigerter Beeinflußbarkeit bildet die sogenannte Gut- 
mütigkeit, die wohl zu unterscheiden ist von der Güte. Sie bedeutet nämlich eine 
gewisse Unfähigkeit, einem Verlangen und Drängen zu widerstehen, also eine gewisse 
Schwäche. 
10. Zum Schlusse kommt noch die verbale Beeinflussung 
organischer Prozesse in Betracht. Hier ist der Sachverhalt 
prinzipiell derselbe. Ein Zuspruch, der sich auf Verminderung von Be- 
schwerden und Vorhandensein des Wohlbefindens bezieht, wirkt nor- 
malerweise erfrischend auf den Leidenden; und die Voraussage, daß 
eine Genesung eintreten wird, führt diesen Prozeß häufig herbei. Die 
Heilkunst hat instinktiv von diesen Kräften stets Gebrauch gemacht; 
mit vollem Bewußtsein tut sie es erst seit einiger Zeit in Gestalt der 
Psychotherapie. Auf ihre lange Vorgeschichte in Gestalt der magischen 
Beeinflussung ist man ebenfalls erst jüngst aufmerksam geworden. Daß 
durch das bloße Besprechen das Bluten von Wunden zum Stillstand zu 
kommen vermag, kann uns heute nicht mehr als wunderbar erscheinen; 
ebensowenig die Fälle, in denen Zauberer durch ihre objektiv sehr frag- 
würdigen Prozeduren rein vermöge der psychischen Beeinflussung ihre 
Patienten gesund machen, oder diejenigen entgegengesegter Art, in denen 
ein vorgenommener Vernichtungszauber den Betroffenen, wenn er 
davon erfährt, wirklich zum Tode gebracht haben soll. In allen diesen 
Fällen handelt es sich freilich schon um eine ungewöhnliche Steigerung 
des Einflusses, die wiederum auf die Wirkung der Autorität zurückgeht. 
Überhaupt beeinflussen ausgesprochene und geglaubte Vorstellungen 
vom Erfolge oder Mißerfolge das Gelingen oder Mißlingen von Leistun- 
gen und den Gang des persönlichen Schicksals in günstigem oder un- 
zyünstigem Sinn. In dieser Richtung liegt die Bedeutung des Kriegs- und
	        
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