Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  II.  Adam  Smith.

Sturz  leiden  müssen,  die  ersten  sein,  die  unter  der  Verbilligung  der
Gegenstände  die  Wohltaten  der  Ausdehnung  der  Industrie  spüren.
ln  dieser  eine  kurze  Zeit  hindurch  berühmten  Polemik  zwischen
Say,  Mälthus,  Sismondi  und  Ricaedo  (der  hierin  der  Meinung  Sax’s
beitrat)  darf  man  keine  Aufklärung  über  die  Krisen  selbst  suchen
—  man  würde  keine  finden,  —  sondern  den  Ausdruck  eines  im  Grunde
richtigen  Gefühls,  dem  Say  leider  eine  ungenügende  wissenschaftliche
Form  gab.
'  Die  Rolle  J.-ß.  Say’s  in  der  Geschichte  der  wirtschaftlichen
Lehren*ist  durchaus  nicht  unbedeutend.  Die  fremden  Nationalökonomen ­
  erkennen  dies  nicht  immer  an.  Besonders  Düheing  ist,  trotz
seines  gewöhnlichen  Scharfsinns,  höchst  ungerecht,  wenn  er  von  der
'„Verwässerungsarbeit“  Say’s''spricht  *).  Sicherlich  ist  Say  in  seinem
Bestreben  nach  Klarheit  hin  und  wieder  über  schwierige  Probleme
hinweggeglitten,  anstatt  ihnen  auf  den  Grund  zu  gehen.’  Die  Nationalökonomie ­
  wird  in  seinen  Händen  oft  allzu  einfach.  Gewisse  Schwierigkeiten ­
  verhüllt  er  in  phrasenhaften  Wendungen  *  (worin  ihm  z.  B.
Bastiat  nur  zu  gern  nachgeahmt  hat).  Smith’s  Dunkelheit  ist  oft
fruchtbar,  Say’s  Klarheit  bietet  dem  Geist  weniger  Anregung.  Dies
ist  alles  ganz  richtig.  Trotzdem  hat  er  aber  der  französischen  Wissenschaft ­
  die  wesentlichen  Ideen  des  großen  Schotten  getreulich  überliefert.'
Mit  glücklicher  Hand  hat  er  auf  Grund  seiner  Kenntnisse  Condillac’s
und  Tuegot’s  gewisse  zweifelhafte  Meinungen  des  Meisters  verbessert. ­
  So  hat  er  seinen  Nachfolgern  viele  Irrtümer  erspart.  Er
hat  der  französischen  Nationalökonomie  seinen  Stempel  aufgedrückt,
und  wenn  die  englischen  Volkswirtschaftler'seine  Auffassung  des
Unternehmers x früher  aufgenommen  hätten  (anstatt  damit  bis  auf  Jbvons
zu  warten),  würden  sie  die  Wissenschaft  vor  vielen  unfruchtbaren
Diskussionen  verschont  haben,  die  besonders  ein  Denker  hervorrief,
der  wohl  viel  tiefer  schürfte  als  Say,  ihm  aber  an  Schärfe  des  Urteils
nachstand:  David  Ricaedo  2 ).  v
*)  Düheing,  Kritische  Geschichte  der  Nationalökonomie  und  des
Sozialismus,  2.  Ausg.  1875,  8.  165.  Dagegen  wird  man  mit  Vorteil  die  sehr
interessanten  Forschungen  von  Allix  über  J.-B.  Say  in  der  Eevue  d’Economie
politique,  Jahrg.  1910,  8.  303  und  341,  und  die  der  Bevue  d’histoire  des
Doctrines  1911,  S.  321,  lesen.
2 )  Stanley  Jevons  (Theory  of  political  Economy,  3.  Ausg.  1888)  erkennt,
vielleicht  in  zu  absoluten  Ausdrücken,  die  ÜberlegenheiVder  französischen  Ökonomisten
über  Eicaedo  an:  „Der  Schluß,  der  sich  mir  immer  klarer  aufdrängt,  ist,  daß  das
einzige  Mittel,  ein  wahres  nationalökonomisches  System  aufzustellen,  darin  liegt,  ein
für  allemal  die  verschwommenen  und  widersinnigen  Hypothesen  der  Schule  Eicahdo’s
zu  verwerfen.  Die  Wahrheit  ist  bei  der  französischen  Schule  (die  er  auf  Condillac,
Baudeau,  J.-B.  Say  zurückführt);  und  je  eher  wir  das  erkennen,  um  so  besser  wird
es  sein“  (Vorrede,  S.  XLIII).
            
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