Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

132

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Kapitel  III.
Die  Pessimisten.
Mit  den  Nationalökonomen,  die  im  vorliegenden  Kapitel  zur  Besprechung ­
  kommen,  tritt  eine  neue  Richtung  auf.  Bisher  konnten
wir  nur  bewundern,  wie  die  soeben  aufgedeckte  Ordnung  der  Tatsachen ­
  alles  auf  das  Wohl  des  Individuums  und  der  Völker  bezog.
Jetzt  aber  erscheinen  Lehren,  die,  wie  eine  Wolke  vor  dem  strahlenden ­
  Morgenrot  der  jungen  Wissenschaft,  einen  tiefen  Schatten  werfen,
einen  Schatten,  der  stetig  wuchs  und  der  ihr  zum  Schluß  jenes  unheilvolle ­
  Aussehen  einer  „scientia  sinistra“  gab,  einer  „dismal  Science“,
wie  Caelyle  später  sagte.
Aus  diesem  Grunde  nennen  wir  sie  Pessimisten,  ohne  mit  diesem
Beiwort  einen  Tadel  ausdrücken  zu  wollen,  da  wir  im  Gegenteil  zu
zeigen  versuchen  werden,  daß  ihre  Theorien  der  Wahrheit  näher
kommen,  als  die  der  Optimisten,  von  denen  wir  weiterhin  sprechen
werden:  —  Pessimisten,  weil  sie  uns  zahllose  Gründe  aufdecken,  um
nicht  mehr  an  die  Übereinstimmung  der  individuellen  Interessen  mit
denen  der  Allgemeinheit  zu  glauben,  trotzdem  sie  selbst,  genau  wie
ihre  Vorgänger,  fortfahren,  das  Vorhandensein  dieser  Übereinstimmung
zu  behaupten;  —  Pessimisten,  weil  sie  uns  überall  verwirrende  Gegensätze ­
  zwischen  den  Grundbesitzern  und  den  Kapitalisten,  zwischen
den  Kapitalisten  und  den  Arbeitern  zeigen;  —Pessimisten,  weil  sie
unter  den  Gesetzen  der  Natur,  und  sogar  der  Vorsehung,  die  die
Ordnung  auf  Grund  der  einzigen  Bedingung  verwirklichen  sollten,
daß  die  Menschen  sie  verstehen  und  ihnen  gehorchen  lernen,  andere
zu  entdecken  wähnen,  die,  wie  das'Gesetz  der  Bodenrente,  einer
kleinen  Zahl  müßiger  Grundeigentümer  ein  Einkommen  sichern,  das  im
direkten  Verhältnis  zu  der  Not  der  Bevölkerung  wächst;  oder  wde  das
"Gesetz  des  sinkendenBodener  träges,  nachdem  der  Erzeugung
der  unentbehrlichen  Lebensmittel  verhängnisvolle  Grenzen  gezogen  sind,
Grenzen,  deren  Druck  sich  schon  jetzt  sehr  fühlbar  macht,  und  die  den
Menschen  keine  andere  Aussicht  lassen,  um  ihr  Los  zu  verbessern,  als
freiwillig  ihre  Anzahl  zu  beschränken;  oder  endlich'Gesetze  wie  das
des  konstant  sinkenden  Profites,  das  den  Fleiß  des  Menschen
früher  oder  später  im  Sumpf  des  „stationären  Zustandes“  endigen
lassen  muß.
Pessimisten  auch  deshalb,  weil  sie  nicht  an  die  Möglichkeit
glaubten,  den  Lauf  dieser  unabänderlichen  Gesetze  wandeln  zu  können,
denen  nach  ihrer  Ansicht  gesetzgeberische  Reformen  ebenso  wie  die
organisierte  Betätigung  eines  zielbewußten  Willens  ohnmächtig  gegen ­
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.