Kapitel III. Die Pessimisten.
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Eher kann noch die 25jährige Dauer der Zwischenzeit zwischen
je zwei Zahlen zur Kritik Anlaß geben 1 ). Der Zeitraum zwischen
dem Durchschnittsalter der Eltern und dem durchschnittlichen Alter,
in dem die Kinder dieses Paares ihrerseits Kinder erzeugen, kann
kaum geringer als 33 Jahre sein. Man nennt diesen Zeitraum ein
Menschenalter und hat stets etwa drei auf ein Jahrhundert gerechnet.
Das sind aber alles unbedeutende Bemängelungen. Denn wenn
man den Zwischenraum zweier Zahlen auch von 25 auf 33 erhöht
und, wenn man will, die Progression der Reihe von 2 auf 1,5, sogar
auf 1,25 oder 1,10 erniedrigt, so hat dies wenig Bedeutung. Die
Progression wird etwas langsamer, aber sobald die Progression, so
klein sie auch am Anfang sein möge, überhaupt besteht, so kann
nichts verhindern, daß sie bald in immer größer und größeren Sprüngen
vorwärts eilt und alle Grenzen überschreitet. Diese Korrekturen ver
ringern daher in nichts die Kraft der Schlußfolgerungen Malthus’ als
physiologisches Gesetz.
Die zweite Reihe, die des Wachstums der Lebensmittel, scheint
der Kritik mehr Angriffspunkte zu bieten, denn sie ist sichtlich will
kürlich, und man weiß nicht recht, ob sie, wie die erste, ein natür
liches Streben vorstellt, oder ob sie beobachtete Tatsachen wieder
spiegeln will! Sie ist ohne Übereinstimmung mit einem bekannten
und sicheren Gesetz, wie es das biologische Reproduktionsgesetz ist.
Sie steht mit ihm sogar allem Anschein nach in Widerspruch. Was
■sind denn die „Lebensmittel“ anders, als tierische und pflanzliche
Arten, die sich nach denselben Gesetzen, wie die Menschen, ver
mehren und noch dazu in einer viel schnelleren „geometrischen Reihe“ 1
Die Vermehrungskraft des Korns oder der Kartoffel, der Hühner oder
des Herings, sogar der Rinder oder des Schafes ist doch der des
Menschen unendlich überlegen. — Auf diesen Einwurf würde Malthus
unbedeutend vermehrt. Das ist der Fall in Frankreich, wo auf jede Ehe iin Durch
schnitt 2,70 Geburten fallen.
Zur Rechtfertigung seiner Multiplikation mit 2 zog Malthus eine normale
Familie mit 6 Kindern in Betracht. Bei der Annahme, daß von den sechs zwei sterben,
bevor sie eine Ehe eingehen können, oder kinderlos bleiben, sind noch vier übrig, die
ihrerseits sich fortpflanzen, und so haben wir ganz richtig die Reihe 2 — 4 — 8 usf.
l ) Malthus hat jedoch nicht ganz willkürliche Zahlen eingesetzt. Was die
25jährige Verdoppelungsperiode anlangt, stützte er sich auf die Bevölkerungs
bewegung in den Vereinigten Staaten. Es ist merkwürdig, daß man im Laufe des
XIX. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten eine Bevölkerungsbewegung fest
stellen kann, die ziemlich genau mit dem, was Malthus voraussah, übereinstimmt.
1800 betrug die Bevölkerung 5 Millionen. Wenn man sie viermal verdoppelt
(4 Perioden von je 25 Jahren = 100 Jahre), hat man für 1900 die Zahl von
80 Millionen. Diese Ziffer wurde 1905 erreicht, also mit einer Verspätung von nur
5 Jahren gegenüber der Vorraussage. Nur ist das reiner Zufall, da sie auf der
Einwanderung, nicht auf der Natalität beruht.