Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

139

Eher  kann  noch  die  25jährige  Dauer  der  Zwischenzeit  zwischen
je  zwei  Zahlen  zur  Kritik  Anlaß  geben 1 ).  Der  Zeitraum  zwischen
dem  Durchschnittsalter  der  Eltern  und  dem  durchschnittlichen  Alter,
in  dem  die  Kinder  dieses  Paares  ihrerseits  Kinder  erzeugen,  kann
kaum  geringer  als  33  Jahre  sein.  Man  nennt  diesen  Zeitraum  ein
Menschenalter  und  hat  stets  etwa  drei  auf  ein  Jahrhundert  gerechnet.
Das  sind  aber  alles  unbedeutende  Bemängelungen.  Denn  wenn
man  den  Zwischenraum  zweier  Zahlen  auch  von  25  auf  33  erhöht
und,  wenn  man  will,  die  Progression  der  Reihe  von  2  auf  1,5,  sogar
auf  1,25  oder  1,10  erniedrigt,  so  hat  dies  wenig  Bedeutung.  Die
Progression  wird  etwas  langsamer,  aber  sobald  die  Progression,  so
klein  sie  auch  am  Anfang  sein  möge,  überhaupt  besteht,  so  kann
nichts  verhindern,  daß  sie  bald  in  immer  größer  und  größeren  Sprüngen
vorwärts  eilt  und  alle  Grenzen  überschreitet.  Diese  Korrekturen  verringern ­
  daher  in  nichts  die  Kraft  der  Schlußfolgerungen  Malthus’  als
physiologisches  Gesetz.
Die  zweite  Reihe,  die  des  Wachstums  der  Lebensmittel,  scheint
der  Kritik  mehr  Angriffspunkte  zu  bieten,  denn  sie  ist  sichtlich  willkürlich, ­
  und  man  weiß  nicht  recht,  ob  sie,  wie  die  erste,  ein  natürliches ­
  Streben  vorstellt,  oder  ob  sie  beobachtete  Tatsachen  wiederspiegeln ­
  will!  Sie  ist  ohne  Übereinstimmung  mit  einem  bekannten
und  sicheren  Gesetz,  wie  es  das  biologische  Reproduktionsgesetz  ist.
Sie  steht  mit  ihm  sogar  allem  Anschein  nach  in  Widerspruch.  Was
■sind  denn  die  „Lebensmittel“  anders,  als  tierische  und  pflanzliche
Arten,  die  sich  nach  denselben  Gesetzen,  wie  die  Menschen,  vermehren ­
  und  noch  dazu  in  einer  viel  schnelleren  „geometrischen  Reihe“  1
Die  Vermehrungskraft  des  Korns  oder  der  Kartoffel,  der  Hühner  oder
des  Herings,  sogar  der  Rinder  oder  des  Schafes  ist  doch  der  des
Menschen  unendlich  überlegen.  —  Auf  diesen  Einwurf  würde  Malthus
unbedeutend  vermehrt.  Das  ist  der  Fall  in  Frankreich,  wo  auf  jede  Ehe  iin  Durchschnitt ­
  2,70  Geburten  fallen.
Zur  Rechtfertigung  seiner  Multiplikation  mit  2  zog  Malthus  eine  normale
Familie  mit  6  Kindern  in  Betracht.  Bei  der  Annahme,  daß  von  den  sechs  zwei  sterben,
bevor  sie  eine  Ehe  eingehen  können,  oder  kinderlos  bleiben,  sind  noch  vier  übrig,  die
ihrerseits  sich  fortpflanzen,  und  so  haben  wir  ganz  richtig  die  Reihe  2  —  4  —  8  usf.
l )  Malthus  hat  jedoch  nicht  ganz  willkürliche  Zahlen  eingesetzt.  Was  die
25jährige  Verdoppelungsperiode  anlangt,  stützte  er  sich  auf  die  Bevölkerungsbewegung ­
  in  den  Vereinigten  Staaten.  Es  ist  merkwürdig,  daß  man  im  Laufe  des
XIX.  Jahrhunderts  in  den  Vereinigten  Staaten  eine  Bevölkerungsbewegung  feststellen ­
  kann,  die  ziemlich  genau  mit  dem,  was  Malthus  voraussah,  übereinstimmt.
1800  betrug  die  Bevölkerung  5  Millionen.  Wenn  man  sie  viermal  verdoppelt
(4  Perioden  von  je  25  Jahren  =  100  Jahre),  hat  man  für  1900  die  Zahl  von
80  Millionen.  Diese  Ziffer  wurde  1905  erreicht,  also  mit  einer  Verspätung  von  nur
5  Jahren  gegenüber  der  Vorraussage.  Nur  ist  das  reiner  Zufall,  da  sie  auf  der
Einwanderung,  nicht  auf  der  Natalität  beruht.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.