Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

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behrung  der  Freuden  des  Familienlebens  legt  er  nur  dem  Armen  auf,
—  nicht  dem  Reichen  1 ),  denn  dieser  befindet  sich  stets  in  der  von
Malthus  vorgeschriebenen  Lage,  die  laut  seiner  Definition  allein  die
Zeugung  von  Kindern  rechtfertigt.  Ich  weiß  wohl,  daß  Malthus
jenes  harte  Gesetz,  „keine  Kinder  in  die  Welt  zu  setzen,  die  man
nicht  ernähren  kann“,  gerade  im  Interesse  der  Armen  selbst  aufstellt. ­
  Dies  hindert  aber  nicht,  daß  hierdurch  die  Ungleichheit  ihrer
Lage  in  der  grausamsten  Weise,  die  man  sich  denken  kann,  hervorgehoben ­
  und  unterstrichen  wird.  Er  stellt  sie  vor  die  Wahl,  entweder ­
  Hunger  zu  leiden,  oder  auf  die  Befriedigung  des  natürlichen
Liebesbedürfnisses  zu  verzichten.  Malthus  räumt  mit  dem  alten
Lied:  „Kaum  ist  in  der  kleinsten  Hütte“  ..  .  gründlich  auf!  Hervorzuheben ­
  ist  aber,  daß  er  jede  gesetzliche  Heiratsbeschränkung  für
Arme,  wie  sie  in  einigen  Ländern  besteht,  verwirft.  Hier  bleibt  der
liberale  Volkswirtschaftler  sich  selbst  treu.  Er  sieht  wohl,  daß,  auch
unter  Außerachtlassung  aller  humanitären  Rücksichten,  dieses  Verbot
—  ein  Heilmittel,  schlimmer  als  das  zu  bekämpfende  Übel  —  nur
erreicht,  daß  an  Stelle  der  ehelichen  Kinder  die  unehelichen  zunehmen ­
  2 ).
Wenn  er  den  Armen  zuruft,  daß  sie  ihr  Elend  nur  sich  selbst
verdanken 3 ),  weil  sie  keine  Voraussicht  geübt  hätten,  weil  sie  zu
früh  geheiratet  und  zu  viele  Kinder  haben,  und  wenn  er  noch  dazu
ausführt,  daß  kein  geschriebenes  Gesetz,  keine  Vorkehrung  und  keine
Einrichtung  der  Wohltätigkeit  irgendwelche  Hilfe  bringen  kann,  so
scheint  ihm  nicht  bewußt  geworden  zu  sein,  welchen  bequemen  Vorwand ­
  zur  vollständigen  Gleichgültigkeit  gegenüber  dem  Schicksal  der
Arbeiter  er  damit  den  Besitzenden  lieferte 4 ).  Während  des  ganzen

1 )  Er  sagt  das  ganz  kategorisch:  „Bei  dem  Armen  muß  man  Gewohnheiten
der  Klugheit  yoraussetzen,  die  ihn  davon  abhalten,  sich  eher  zu  verheiraten,  als  bis
der  Lohn  seiner  Arbeit  genügt,  ihn  selbst,  eine  Frau  und  sechs  Kinder  ohne  Unterstützung ­
  zu  ernähren.“  Damit  ist  die  Ehe  jedem  Arbeiter  untersagt,  dessen  Lohn
nicht  ausreicht,  eine  Familie  von  acht  Köpfen  zu  erhalten!  In  Anbetracht  der  erbärmlichen ­
  Löhne,  die  die  Arbeiter  zur  Zeit  Malthus  erhielten,  verurteilte  er  damit
die  ganze  Arbeiterklasse  entweder  zur  Ehelosigkeit  oder  zur  Keuschheit!
2 )  „Man  hat  mir  vorgeworfen,  ein  Gesetz  anregen  zu  wollen,  daß  dem  Armen
die  Ehe  verbietet.  Das  ist  nicht  wahr  .  .  .  Tatsächlich  bin  ich  in  der  entschiedensten
Weise  der  Meinung,  daß  jedes  positive  Gesetz,  durch  das  das  Heiratsalter  begrenzt
wird,  nngereoht  und  unmoralisch  ist.“
3 )  Wir  wiederholen  die  Stelle,  die  wir  schon  angeführt  haben,  denn  sie  verdient
ganz  besonders  hervorgehoben  zu  ■werden;  „Das  Volk  muß  sich  selbst  als  die  Hauptursache ­
  seines  Elendes  betrachten“  (S.  500).
4 )  Die  Thesen  Malthus’  über  die  Wohltätigkeit  sind  sehr  interessant  und  stehen
zu  seiner  Bevölkerungstheorie  in  direkter  Beziehung.  Er  hat  sich  hauptsächlich
mit  der  praktischen  Seite  der  Frage  befaßt,  auf  die  er  großen  Einfluß  ausgeübt
hat.  Das  damals  in  England  seit  den  Zeiten  der  Königin  Elisabeth  bestehende  Gesetz
            
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