Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

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sogar  mit  besonderem  Nachdruck.  Zweifellos  beruht  es  auf  seiner
eingehenden  Untersuchung  dieser  Frage,  daß  er  sich  mit  größerer
Überzeugung  zum  Freihandel  bekannte,  als  es  die  Physiokraten  oder
Adam  Smith  getan  hatten.  Für  diese  beruhte  der  Freihandel  hauptsächlich ­
  auf  der  allgemeinen  Überzeugung  von  der  Harmonie  der
Interessen,  während  Ricardo  sich  auf  eine  bestimmte  Tatsache  stützt,
nämlich  auf  das  Steigen  des  Getreidepreises  und  der  Bodenrente.
Ihm  erscheint  der  Freihandel  als  die  einzig  wirksame  Hemmung  dieser
verderblichen  Tendenz  des  Wirtschaftslebens.  Nach  seiner  Theorie
kommt  jede  freie  Einfuhr  von  Lebensmitteln  aus  dem  Ausland  der
Inangriffnahme  von  Feldern  gleich,  die  ebenso  reich  oder  reicher
sind  wie  die  der  britischen  Inseln,  beseitigt  infolgedessen  die  lästige
Notwendigkeit,  schlechtere  Felder  zur  Bebauung  heranzuziehen,  und
tut  der  Preissteigerung  Einhalt.
Er  bemüht  sich  sogar,  die  Grundbesitzer  zu  überzeugen,  daß  es
in  ihrem  Interesse  liegt,  dem  Freihandel  zuzustimmen,  sogar  um  den
Preis  einer  gewissen  Verlangsamung  in  der  Steigerung  ihrer  Einkünfte; ­
  wenigstens  tadelt  er  ihren  blinden  Widerstand.  „Sie  sehen
nicht“,  sagt  er,  „daß  jeder  Handel  darauf  hinzielt,  die  Produktion
zu  vermehren,  und  daß  diese  Vermehrung  den  allgemeinen  Wohlstand
hebt,  obwohl  ein  gewisser  Teilverlust  damit  verbunden  sein  kann.
Wenn  sie  wirklich  folgerichtig  Vorgehen  wollten,  müßten  sie  versuchen, ­
  jede  Verbesserung  in  der  Landwirtschaft  und  Fabrikation
hintanzuhalten,  ebenso  wie  jede  neue  Erfindung  im  Maschinenwesen“  x ).
2.  Die  ßententheorie  stellte  außerdem  das  Eigentumsrecht  an
Boden  in  eigentümlicher  Weise  dadurch  bloß,  daß  sie  das  Einkommen
des  Grundbesitzers  als  nicht  auf  die  Arbeit  gegründet  und  folglich
als  antisozial  erscheinen  ließ.  Gerade  aus  diesem  Grunde  wurde  sie
von  den  konservativen  Nationalökonomen  so  lebhaft  angegriffen.  Es
ist  aber  zu  bemerken,  daß  Ricardo  sich  offenbar  dürchaus  nicht
hauptung  A.  Sjiith’s,  daß  „das  Interesse  der  Grundbesitzer  mit  dem  des  Restes  der
Gesamtheit  nicht  in  Widerspruch  stehe“:  daß  „das  Interesse  des  Großgrundbesitzers ­
  stets  in  Widerspruch  mit  dem  des  Verbrauchers  und  dem
des  Fabrikanten  ist“.  Es  liegt  im  Interesse  des  Großgrundbesitzers,  daß  die
Kosten  der  Getreideproduktion  steigen.  Das  ist  jedoch  nicht  im  Interesse  des  Verbrauchers; ­
  und  ebenso  nicht  im  Interesse  des  Fabrikanten,  denn  teueres  Getreide
führt  zu  hohen  Löhnen,  ohne  daß  deshalb  der  Preis  der  Waren  stiege  (S.  307).
*)  Der  Reichtum  steigt  am  schnellsten  dort,  wo  der  verfügbare  Boden  am  fruchtbarsten ­
  ist,  wo  die  Einfuhr  den  wenigsten  Beschränkungen  unterliegt,  wo  die  landwirtschaftlichen ­
  Verbesserungen  eine  Erhöhung  der  Produktion  ohne  entsprechende
Vermehrung  der  Arbeitsmenge  gestatten,  folglich  überall  dort,  wo  das  Wachstum
der  Bodenrente  langsam  ist“  (S.  51).  Der  Gegensatz  zwischen  dem  Bestand
an  fruchtbarem  Boden,  dem  Freihandel,  der  Entwicklung  der  landwirtschaftlichen
Wissenschaft  auf  der  einen  Seite  —  und  auf  der  anderen,  dem  Steigen  der  Rente,
ist  hier  sehr  klar  ausgedrüokt.
            
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