Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

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handelt,  so  ist  es  doch  offenbar,  daß  in  einer  zu  einem  bestimmten
Grade  von  Bevölkerungsdichte  gelangten  Gesellschaft  die  Tatsache
allein,  daß  der  Boden  nur  in  begrenzter  Menge  vorhanden  ist,  genügt,
um  allen  Feldern  und  ihren  Erzeugnissen  einen  Seltenheitswert  zu
geben,  der  von  ihrer  verschiedenen  Ertragsfähigkeit  unabhängig  ist.
Sogar  wenn  alle  von  gleicher  Fruchtbarkeit  wären,  würde  sich
hieran  nichts  ändern.  Es  gibt  kein  Feld,  das  keinen  Käufer
finden  würde.  Wer  würde  aber  bereit  sein,  ein  Grundstück  zu
kaufen,  wenn  es  ihm  nur  gerade  den  Gegenwert  der  Bewirtschaftungskosten ­
  einbringen  sollte!
Man  begreift  aber  sehr  gut,  weshalb  Ricaedo  die  Existenz  dieser
nur  auf  der  Quantitätsbegrenzung  beruhenden  Kentenkategorie  nicht
hat  zugeben  wollen.  Er  würde  sich  nämlich  dadurch  im  Widerspruch
mit  seiner  eigenen  Theorie  gesetzt  haben,  nach  der  es  keinen  anderen
Wert  gibt,  als  den,  der  auf  der  Arbeit  beruht.  Er  hat  sich  jedoch
dazu  entschließen  müssen,  für  einige  seltene  Produkte  eine  Ausnahme
zuzugeben.  Nämlich  für  solche  Produkte,  „die  keine  Arbeit  vermehren
kann  —  wie  kostbare  Bilder,  Statuen,  Bücher,  Medaillen,  edle
"Weine  usw.“.  Das  war  aber  von  seinem  Gesichtspunkte  aus  nur  eine
ganz  kleine  Bresche,  die  er  eilig  schloß,  um  nicht  mehr  daran  zu  denken.
Denn  wenn  hier  von  ihm  wirklich  der  ganze  ungeheure  Reichtum
des  Bodens  einbegriffen  worden  wäre,  hätte  er  befürchten  müssen,
daß  sein  ganzes  Gebäude  in  sich  Zusammenfalle  1 ).

Hiermit  haben  wir  unsere  Darlegung  der  vor  allen  anderen
wirtschaftlichen  Lehren  berühmten  Rententheorie  vollendet,  und  von
ihr  kann  man  sagen,  daß  es  sogar  mit  Einschluß  der  Lehre  Malthits’
keine  andere  gibt,  die  leidenschaftlicheren  Kritiken  ausgesetzt  gewesen ­
  wäre.  Hierfür  gibt  es  eine  Menge  Gründe:
1.  Zunächst  warf  sie  den  ganzen  schönen  „ordre  naturel“,  den
man  unabänderlich  geglaubt  hatte,  über  den  Haufen,  indem  sie  in  der
Gesellschaftsordnung  eine  Menge  von  Interessengegensätzen  nachwies.
Wenn  nämlich  diese  Lehre  wahr  ist,  so  scheint  es,  daß  sich  das
Interesse  des  Grundbesitzers  nicht  nur  im  Gegensatz  zu  dem  der
anderen  Klassen  befindet,  die  das  Gesellschaftseinkommen  unter  sich
teilen  —  dieser  Gegensatz  ist  zwischen  Anteilhabern  unvermeidlich  —,
sondern  auch,  daß  es  im  Widerspruch  zu  dem  Allgemeininteresse  der

b  Wie  ist  es  aber  geschehen,  daß  ihm  nie  der  Gedanke  gekommen  ist,  daß  gerade
der  Boden  —  wenigstens  für  jedes  gegebene  Land  und  sogar  für  das  ganze  Menschengeschlecht ­
  —  eins  jener  Güter  ist,  „deren  Menge  keine  Arbeit  vermehren  kann“?
            
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