Kapitel I. Sismondi und die Ursprünge der kritischen Schule.
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Die Krisen sind eine nicht weniger beunruhigende Tatsache als
das Arbeiterelend. 1815 erschüttert eine erste Krise den englischen
Markt, wirft zahlreiche Arbeiter auf die Straße, und ruft Revolten
hervor, die die Zerstörung von Maschinen zur Folge hatten. Sie be
ruhte auf dem Irrtum der englischen Fabrikanten, die auf den nahen
Friedensschluß spekulierten und in ihren Fabriken weit mehr Waren
für die Ausfuhr angesammelt hatten, als der Kontinent aufnehmen
konnte. 1818 tritt eine neue, ebenfalls von Yolksunrnhen begleitete
Handelsstörung in England auf. Im Jahr 1825 endlich verursachte
eine dritte, schwerere Krisis, verschuldet wahrscheinlich von den über
triebenen Krediten, die den neueröffneten Märkten Südamerikas ge
währt worden waren, den Zusammenbruch von 70 Provinzbanken in
England, zog zahllose Bankerotte nach sich und hatte ihre Rück
wirkung auf mehrere benachbarte Länder. Seitdem treten die Krisen
mit einer wenn nicht absoluten, so doch wenigstens höchst bemerkens
werten Regelmäßigkeit in mehr oder weniger kleinen Zwischenräumen
im ganzen Verlauf des 19. Jahrhunderts auf und erstrecken sich über
immer größere Regionen, je nachdem sich die Herrschaft der großen
Industrie ausbreitet. Lag hierin kein Grund, sich zu fragen, ob das
ganze wirtschaftliche System unter seiner glänzenden Außenseite
nicht irgendeinen tiefen Fehler verbarg, und ob die Gesellschaft nicht
in alle Zukunft hinein dazu verurteilt sein sollte, für ihre Fortschritte
in der Industrie durch solche periodischen Zuckungen zu büßen?
Der Pauperismus und die wirtschaftlichen Krisen sind die beiden
Tatsachen, die sich im selben Augenblick, in dem die wirtschaft-
liche Freiheit ihre ersten Triumphe feiert, der Aufmerksamkeit auf
drängen und die seitdem beständig die Meinungen beschäftigen.
Sie werden von nun an ohne Unterlaß von den verschiedensten
Schriftstellern gegen die neue Ordnung ins Treffen geführt und zer
stören nach und nach in vielen die Zuversicht in die Richtigkeit der
Lehren Adam Smith’s. Bei zahlreichen philanthropischen und christlichen
Schriftstellern rufen sie nur eine sentimentale Entrüstung hervor, einen
starken Protest der Menschlichkeit gegen ein so unerbittliches System,
Quelle so vielen Elends und einer solchen Menge von Unglück. Andere
— die Sozialisten — gehen in ihrer Kritik viel weiter, greifen die
Einrichtung des Privateigentums an und verlangen den vollständigen
Umsturz der Gesellschaft. Alle aber verwerfen einstimmig die Idee
einer selbsttätigen Harmonie der Privat- und der Allgemein-Interessen,
als unvereinbar mit den Tatsachen, die wir soeben ausgeführt haben.
Unter diesen Schriftstellern nun hat keiner den Einfluß dieser
Tatsachen stärker gefühlt, als Sismondi 1 ). Für ihn gipfelt das ganze
*) Sismondi war nicht Franzose, sondern Gjnfer, obgleich seine ursprünglich
italienische Familie sich im 16. Jahrhundert nach Frankreich geflüchtet hatte. Nach
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