Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel I. Sismondi und die Ursprünge der kritischen Schule. 
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l)as bestritten auch weder Eicardo noch Say, aber sie behaupteten, 
daß es gerade die Wirkung der Maschinen sein würde, stets an irgend 
einer Stelle diese Arbeitsnachfrage liervorzurufen. Sismondi wird in 
seiner Beweisführung yon der gleichen falschen Idee beherrscht, die 
ihn vorher die Möglichkeit einer allgemeinen Überproduktion hat an- 
nelnnen lassen: der Idee, daß einer Produktionsvermehrung, die nütz 
lich sein soll, stets eine neue Nachfrage vorausgehen muß; er will 
nicht zugeben, daß indirekt die Vermehrung der Produktion an sich 
diese Nachfrage schafft. 
Was aber wahres an dem Gesichtspunkte Sismondi’s ist — und 
man kann nie genug darauf hinweisen, — das ist sein Protest gegen 
die Gleichgültigkeit der Klassiker angesichts der Leiden, die die 
Übergangsperioden mit sich bringen. 
Die klassischen Volkswirtschaftler haben oft das von der Groß 
industrie geschaffene Elend mit demselben Gleichmut betrachtet, mit 
dem die Anhänger Marx’ die Katastrophen der Zukunft im Zu 
sammenhang mit der notwendigen Revolution ins Auge fassen. 
Zusammen mit vielen anderen Ähnlichkeiten zwischen den 
Marxisten und den Klassikern ist dies eine der auffälligsten. Sind 
die Vollkommenheiten der neuen Gesellschaftsordnung nicht einige 
Opfer wert ? Sismondi aber ist Historiker. Er interessiert sich gerade 
für diese Perioden des Übergangs, die von einer Ordnung zur anderen 
führen, und die so viele unverdiente Leiden mit sich bringen. Er 
möchte, daß man ihre Härten lindere, daß man den Übergang von 
einer Epoche in die andere erleichtere. Gibt es einen gerechteren 
Wunsch? Sogar J.-B. Say hat das anerkannt 1 ) (allerdings in einem 
recht geringen Maße), und gerade hierin besteht auch die Aufgabe 
der Sozialpolitik. 
Eine andere Bemerkung Sismondi’s ist nicht weniger richtig. 
Es erregt nicht nur seine Entrüstung, daß die Arbeiter von den 
Maschinen verjagt werden, sondern auch, daß die in -ihrer Stellung 
verbliebenen Arbeiter nur einen so geringen Anteil an den Vorteilen, 
eintreten könne, sich aller Maschinen bemächtigt haben wird, um ihre Erzeugnisse 
unter ihre Mitglieder zu verteilen. Die Annahme, daß ein Teil der Bevölkerung 
ruhig Hungers sterben werde, während der andere Teil fortfährt, die gleiche Menge 
Erzeugnisse, wie früher herzustellen, ist widersinnig. Im Grunde genommen aber, 
wenn man die paradoxale Form außer acht läßt, ist die Frage Sismondi’s nicht zu 
lösen. Was ist das bessere Gleichgewicht zwischen Produktion und Bevölkerung? 
Soll man eine schnell wachsende Bevölkerung, deren Beichtum nur wenig wächst, 
einer stationären oder sogar geringer werdenden Bevölkerung, deren Wohlstand sehr 
groß ist, vorziehen? Jedem steht hier die Wahl frei. Die Wissenschaft hat kein 
Kriterium dafür. 
b Siehe weiter oben, S, 126.
	        
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