Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.

203

Schränkung  des  übermäßigen  Angebots  nicht  so  leicht  bewerkstelligen.
Glaubt  man,  daß  von  heute  auf  morgen  die  Kapitalien  und  die  Arbeit
eine  Industrie,  die  im  Niedergang  begriffen  ist,  aufgeben  können,  um
sich  einer  anderen  zuzuwenden?  Keineswegs!  Der  Arbeiter  kann
nicht  plötzlich  die  Arbeit  verlassen,  die  ihm  seinen  Lebensunterhalt
gibt,  und  die  er  in  einer  oft  langen  und  teuren  „Lehrlingszeit“  gelernt ­
  hat,  —  in  der  er  sich  durch  eine  professionelle  Geschicklichkeit
auszeichnet,  deren  Vorteile  er  in  einer  anderen  Beschäftigung  verliert. ­
  Anstatt  das  zu  tun,  wird  er  lieber  seinen  Lohn  verringern
lassen,  wird  er  lieber  die  Arbeitszeit  verlängern,  „er  wird  es  vorziehen, ­
  14  Stunden  am  Tag  zu  arbeiten,  die  Zeit  opfern,  die  er
früher  dem  Vergnügen  und  der  Ausschweifung  widmete,  und  die
gleiche  Anzahl  Arbeiter  wird  bedeutend  mehr  Erzeugnisse
her  vor  bringen“  1  2 ).  —  Was  den  Fabrikanten  anlangt,  so  wird  er
ebensowenig,  wie  der  Arbeiter  bereit  sein,  ohne  Widerstand  seine
Fabrik  aufzugeben,  in  deren  Errichtung  und  Anlage  er  die  Hälfte
oder  drei  Viertel  seines  Vermögens  gesteckt  hat.  Fixes  Kapital
läßt  sich  nicht  von  einer  Fabrik  auf  die  andere  übertragen.  Auch
wird  der  Fabrikant  durch  die  Gewohnheit  festgehalten,  „eine  moralische
Kraft,  die  der  Berechnung  nicht  unterliegt“  -),  und  wie  der  Arbeiter,
klammert  er  sich  an  die  Industrie,,  die  ihn  bis  dahin  ernährt  und
die  er  geschaffen  hat.  So  wird  denn  die  Produktion,  weit  davon  entfernt, ­
  sich  selbsttätig  einzuschränken,  dieselbe  bleiben  oder  sogar
noch  größer  werden;  .  .  .  allerdings  wird  sie  zum  Schluß  gezwungen,
nachzugeben;  allerdings  wird  die  Anpassung  eintreten,  aber  nach
wieviel  Ruin,  nach  wieviel  Unglück!
„Die  Produzenten  werden  sich  nicht  eher  von  der  Arbeit  znrückziehen,
  und  nicht  eher  wird  ihre  Zahl  geringer  werden,  als  bis  eine
Anzahl  der  Geschäftsinhaber  Bankerott  gemacht  hat,  und  bis  ein  Teil
der  Arbeiter  Hungers  gestorben  ist 3 ).“  „Hüten  wir  uns,  sagt  erzürn ­
  Schluß,  vor  dieser  gefährlichen  Theorie  des  Gleichgewichts,  das
sich  selbst  herstellt.  .  .  Allerdings  stellt  sich  auf  die  Dauer  ein  gewisses ­
  Gleichgewicht  ein,  aber  nur  nach  furchtbaren  Leiden 4 ).“  Diese
Bemerkung,  die  schon  zur  Zeit  Sismondi’s  richtig  war,  bildet  heute
die  Grundlage  der  Geschäftspolitik  der  Trusts  und  Kartelle.
Wie  vermehrt  sich  seit  dem  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  hauptsächlich ­
  die  Produktion?  Durch  die  Vermehrung  der  Maschinen,
Daher  richtet  Sismondi  seine  hauptsächlichsten  Angriffe  gegen  die
Maschinen.  Und  gerade  deshalb  hat  er  sich  als  Reaktionär  behandeln

>)  N.  P.,  I,  S.  333.
2 )  N.  P.,  I,  S.  336.
3 )  N.  P.,  I,  S.  333—334.
4 )  N.  P.,  I,  S.  220—221
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.