Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

218

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

spontanen  Harmonie  der  Interessen  gesprochen  werden.  Es  ist  nicht
mehr  möglich,  das  zu  vergessen,  was  der  Fortschritt  in  der  Produktion ­
  an  Elend  und  Unglück  verdeckt.  Es  ist  nicht  mehr  möglich,
über  die  Krisen  hinwegzngleiten  als  seien  sie  vorübergehende  und
gleichgültige  Tatsachen.  Nicht  mehr  möglich  ist  es,  die  Rolle  zu
vergessen,  die  die  ungleiche  Verteilung  des  Einkommens  und  des
Vermögens  in  dem  Wirtschaftsleben  spielt,  —  die  zwischen  den  beiden
Kontrahenten  des  Lohnvertrages  eine  grundlegende  Ungleichheit  aufrichtet,
  die  oft  jede  Freiheit  der  Verhandlung  vernichtet.  Es  ist
nicht  mehr  möglich,  mit  einem  Wort,  die  sozialen  Folgen  zu  vergessen, ­
  die  die  wirtschaftlichen  Veränderungen  mit  sich  bringen.
Folglich  ist  jetzt  Kaum  für  eine  Sozialpolitik  geschaffen.
Von  dieser  Politik  werden  wir  nun  sprechen  müssen.
Von  dem  neuen  Standpunkte  aus,  auf  den  Sismondi  sich  gestellt  ,
hatte,  daß  nämlich  das  freie  Spiel  der  Privatinteressen  in  Widerspruch ­
  zu  dem  Allgemeinwohl  steht,  —  ist  die  von  Adam  Smith  und
seiner  Schule  gepredigte  Nichteinmischung  der  Regierung  ohne  Berechtigung. ­
  Die  Gesellschaft  muß  im  Gegenteil  eingreifen,  den
individuellen  Initiativen  eine  Grenze  ziehen  und  ihre  Mißbräuche
korrigieren.  Sismondi  ist  so  der  erste  der  Interventionisten.
Nach  seiner  Ansicht  sollte  die  Tätigkeit  des  Staates  zunächst
—  auf  eine  Eindämmung  des  Überflusses  an  Produkten  hinzielen  und
die  zu  schnelle  Vermehrung  neuer  Erfindungen  hemmen.  Sismondi
träumt  von  einem  Fortschritt,  der  sich  in  langsamen  Etappen  vollzieht, ­
  ohne  jemanden  zu  schädigen,  ohne  irgendein  Einkommen  zu
verringern,  und  ohne  sogar  den  Zinsfuß  zu  senken 1 ).  Seine  Empfindsamkeit ­
  macht  ihn  furchtsam.  Seine  Gegner  lächeln  über  seine
Philanthropie.  Sogar  die  Saint-Simonisten,  die  doch  gewissen  Ansichten
Sismondi’s  sympathisch  gegenüberstanden,  werfen  ihm  vor,  „daß  ihn
seine  Philanthropie  in  die  Irre  führe“  2 ).  Dieser  Charakterzug  drückte
sich  sogar  in  seinen  Lebensgewohnheiten  aus:  „Er  hatte“,  so  erzählt
Saxnte-Beuve  3 )  „einen  Schlosser,  der  so  schlecht  und  so  ungeschickt
arbeitete,  daß  niemand  ihn  mehr  beschäftigen  wollte;  er  aber  behielt
l )  Sismondi  wendet  auf  das  Sinken  des  Zinsfußes  die  gleichen  Grundsätze  an,
wie  auf  das  Wachstum  der  Produktion  und  auf  die  Maschinen:  „Die  Vermehrung
der  Kapitalien  ist  nur  insoweit  wünschenswert  als  auch  die  Verwendung,  die  man
von  ihnen  machen  kann,  zur  gleichen  Zeit  größer  wird.  Jedesmal  nun,  daß  der
Zinsfuß  fällt,  ist  das  ein  sicheres  Zeichen,  daß  diese  Verwendung  proportional  zur
Menge  der  Kapitalien  geringer  wird,  und  dieses  Sinken  des  Zinses,  worin  stets  ein
Vorteil  für  irgend  jemanden  liegt,  ist  auch  stets  mit  Nachteil  für  einen  anderen  verbunden, ­
  sei  es  unter  den  Landsleuten,  deren  Einkünfte  sinken,  sei  es  unter  den  Ausländern, ­
  deren  Arbeit  es  unterbricht“  (N.  P.,  I,  S.  393).
3 )  Vgl.  die  Eevue  der  Saint-Simonisten;  Le  Producteur,  IV,  S.  557—558.
3 )  Sainte-Beuve,  Nouveaux  Lundis,  VI,  S.  81.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.