Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel I. Sismondi und die Ursprünge der kritischen Schule. 
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gefühlsmäßige Reaktion ahnen, die gegen den kalten Gleichmut der 
orthodoxen Nationalökonomie einsetzeu sollte. Man glaubt in ihm die 
Stimme eines Euskin, eines Caeltle und aller jener Christlich- 
Sozialen zu hören, die im Namen der christlichen Liebe und der 
menschlichen Gemeinbürgschaft gegen die sozialen Folgen der großen 
Industrie Protest erhebt. Wie Sismondi so lehnt sich auch der 
christliche Sozialismus nicht gegen die Nationalökonomie selbst auf, 
sondern vielmehr gegen die satten, bürgerlichen Tendenzen und 
gegen die zu leicht zufriedengestellte Gleichgültigkeit jener, die ihr 
auhängen. Er erhebt einen Tendenzprozeß, weniger gegen die Wissen 
schaft als gegen ihre offiziellen Vertreter und gegen die Gesellschaft, 
die sich ihrer bedient, um ihren Egoismus zu rechtfertigen. 
Weiterhin eröffnet Sismondi mit seinem Ruf nach der Einmischung 
des Staates die Reaktion gegen den absoluten Liberalismus, eine Re 
aktion, die im Laufe des 19. Jahrhunderts beständig größer wird, und 
die ihren entschiedensten Ausdruck in dem Kathedersozialismus und 
dem Staatssozialismus findet. Als erster in Frankreich ver- J 
langt er eine Arbeitergesetzgebung und sucht der Regierung einen 
Platz in der Leitung der wirtschaftlichen Angelegenheiten des Landes 
zu verschaffen. Nach ihm tritt die Unmöglichkeit einer vollständigen 
Abdankung des Staates von Tag zu Tag klarer hervor. Aber Sis 
mondi drückt hier mehr eine Hoffnung, einen Wunsch aus, als daß 
er einen wirklichen Aktionsplan entwirft. 
In drei verschiedenen Richtungen lösen daher die Vorschläge 
Sismondi’s drei starke Strömungen der öffentlichen Meinung aus, und 
es ist nicht weiter erstaunlich, daß das Interesse für das Werk Sis 
mondi’s in dem Maße gewachsen ist, wie diese neuen Tendenzen, die 
er voraussah, sich mit größerer Kraft entwickelt haben. 
Sein unmittelbarer Einfluß auf die zeitgenössischen National 
ökonomen war dagegen ziemlich gering. Einige unter ihnen lassen 
sich durch die Warmherzigkeit seiner Ausführungen gewinnen, durch 
seine Güte für die Schwachen, durch sein Mitleid mit der Arbeiter 
klasse, ohne aber jemals hierin einen genügenden Grund zu sehen, 
fien klassischen Liberalismus zu verwerfen. Blanqui im besonderen 
gibt zu, daß die Starrheit der Grundsätze des laisser-faire gemildert 
werden könne J ). Theodoee Fix und Dkoz 2 ) scheinen für einen 
') A. Blanqui erklärt in seiner Histoire de l’Economie Politique en 
Europe (1837), sich der „modernen Schule“ zuzählen zu wollen, die er wie folgt 
charakterisiert: „Sie will die Produktion nicht als eine Abstraktion betrachten, die 
mit dem Schicksal der Arbeiter nichts zu tun hat; es genügt ihr nicht, daß Güter 
geschaffen, sondern sie müssen in gerechter Gleichmäßigkeit verteilt werden.“ (Einl., 
3- Ausg., S. XXI.) 
2 ) Dnoz (1773—1850) veröffentlichte im Jahr 1829 eine Economic politique 
ou Principes de la Science des richesses, in der sieh die berühmt gewordene
	        
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