Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Mit  einem  äußerst  klaren  Begriff  des  zu  verfolgenden  Zieles  untersuchen ­
  sie  das  Eigentum  in  seinen  Wirkungen  auf  die  Güterverteilung
  und  Gütererzeugung,  sowie  in  seiner  historischen  Entwicklung,  —
und  sie  kommen  zu  dem  Schluß,  daß  seine  Abschaffung  das  beste
Mittel  sei,  die  wissenschaftliche  und  industrielle  Organisation  der
modernen  Gesellschaft  zu  ihrer  höchsten  Vollkommenheit  zu  bringen.
Diese  Bewegung  ist  in  der  Geschichte  der  volkswirtschaftlichen  Doktrinen ­
  eine  der  bedeutendsten.  Die  Frage  des  Eigentums  wird  aufgeworfen. ­
  Von  nun  ab  hört  sie  nicht  auf,  auf  der  Tagesordnung  der
Wissenschaft  zu  stehen 1 ).
*)  Es  liegt  außerhalb  des  Planes,  den  wir  uns  gesteckt  haben,  den  Sozialismus
der  Zeit  vor  dem  19.  Jahrhundert  zu  besprechen.  Jedoch  ist  die  Präge,  ob  die
französische  Kevolution  von  1789  sozialistisch  gewesen  ist,  oder  ob  sie  nur  ganz
einfach  „bürgerlich“  war,  wie  es  die  Sozialisten  von  heute  behaupten,  zu  oft  aufgeworfen ­
  worden,  als  daß  wir  sie  vollständig  mit  Stillschweigen  übergehen  könnten.
Es  unterliegt  keinem  Zweifel,  daß  auch  die  am  weitesten  fortgeschrittenen
Männer  der  Revolution  bei  jeder  Gelegenheit  ihre  Achtung  des  Eigentums  betont
haben.  Sogar  Mahat  hat  gegen  die  Unterstellung  protestiert,  das  Land-Gesetz  (la  Loi
agraire)  predigen  zu  wollen,  eine  Lehre,  die  er  „verderblich  und  zerstörend“  nennt.
Die  große  Konfiskation  der  Kirchengüter  und  der  Besitzungen  der  emigrierten
Adligen  war  eine  politische  Maßnahme  und  hatte  durchaus  nichts  mit  den  wirtschaftlichen ­
  Prinzipien  zu  tun.  Sie  gleicht  völlig  so  vielen  anderen  geschichtlichen
Konfiskationen,  die  in  keiner  Weise  auf  sozialistischen  Beweggründen  beruhten,  wie
die  der  Juden,  der  Templer,  der  Hugenotten,  der  Irländer  usw.  Ganz  im  Gegensatz
dazu  wurde  die  Konfiskation  der  Liegenschaften  (biens  de  fondations)  d.  h.  der  Besitz
rein  abstrakter  Personen,  als  eine  Maßnahme  zur  Verteidigung  des  individuellen  und
wirklichen  Eigentums  dargestellt,  die  sich  gegen  das  Überhandnehmen  des  Fiktiv-Eigentums,
  des  Eigentums  der  toten  Hand,  richtete.  Bei  der  Abschaffung  der  feudalen
Rechte  unterschied  man  mit  großer  Sorgfalt  die  Rechte,  die  auf  der  Souveränität
beruhten  (Hoheitsrechte),  die  abgeschafft  werden  sollten,  von  denen,  die  auf  dem
Besitz  beruhten  und  geachtet  werden  mußten,  oder  für  die  man  -wenigstens  das  Recht
auf  Entschädigung  zugestand.  Allerdings  blieb  in  der  Ausführung  nicht  viel  von
dieser  Unterscheidung  übrig;  das  Elend  der  damaligen  Zeit,  der  Zusammenbruch  der
Assignaten,  der  Bankerott  der  Rente  ruinierten  zahllose  Existenzen,  aber  die  Absicht,
das  Eigentum  zu  achten,  bleibt  deshalb  nicht  weniger  unbestreitbar.  Anscheinend
haben  in  dieser  Hinsicht  die  Männer  der  Revolution  unter  dem  Einfluß  der  Physiokraten
  gestanden,  deren  Kultus  des  Eigentums  wir  kennen.  Sollte  man  nicht  glauben,
daß  der  17.  Artikel  der  „Declaration  des  Droits  de  l’Homme“  aus  der  Feder  eines
Physiokraten  stamme:  „Das  Eigentum  ist  ein  unverletzliches  und  heiliges  Recht!“
Es  ist  jedoch  wahr,  daß  auch  Rousseau  den  gleichen  Gedanken  in  seinem  Aufsatz
über  Economie  Politique  Ausdruck  gegeben  hatte,  als  er  schrieb;  „Das  Eigentumsrecht ­
  ist  das  heiligste  aller  bürgerlichen  Rechte.“
Aber  nicht  nur  in  Hinsicht  auf  die  Präge  des  Eigentums  hat  sich  die  Revolution
von  1789  anti-sozialistisch  gezeigt.  Sie  war  es  auch  in  dem  Sinne,  daß  sie  nicht
an  den  Klassenkampf  gedacht  hat,  und  ebensowenig  an  einen  Interessengegensatz
zwischen  Proletariern  und  Kapitalisten,  sondern  nur  Bürger  kennen  wollte,  die  alle
gleich,  alle  gleichberechtigt,  alle  Brüder  wären.
Diejenigen  aber,  die  sich  heute  am  heftigsten  auf  den  Geist  der  Revolution  berufen, ­
  möchten  nicht,  daß  diese  Feststellungen  sie  in  irgend  etwas  verkleinere.  Daher
            
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