Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  II.  Saint-Simon,  die  Saint-Simonisten  u.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  227

Nicht,  daß  sie  bisher  noch  nicht  erörtert  worden  wäre.  Die
kommunistischen  Utopien,  seit  Plato  und  Monns  bis  zu  den  egalitären ­
  Schriftstellern  des  18.  Jahrhunderts,  Mably,  Moeblly,  Godwin,
Babeuf,  beruhen  alle  auf  einer  Kritik  des  Eigentums.  Aber  alle
diese  Schriftsteller  haben  sich  mehr  auf  den  Gesichtspunkt  der  Moral,
als  auf  den  der  Volkswirtschaft  gestellt :t ).  Der  kennzeichnende  Zug
bemühen  sie  sich  auch,  naohzuweisen,  daß  sie  trotzdem  nicht  so  konservativ,  noch  so
individualistisch  gewesen  sei,  wie  man  sagt;  so  entdecken  sie  hier  und  da,  allerdings
nach  vielem  Suchen,  einige  sozialistische  Kundgebungen  in  den  Dekreten  über  den
Höchstpreis  der  Lebensmittel,  wie  in  dem  über  die  Verpflegung  (deoret  de  Maximum,
decret  de  rationnement)  usw.,  gewöhnlich  begnügen  sie  sich  aber  damit,  mildernde
Umstände  anzuführen.  „Wie  sollte  man  dazu  gekommen  sein,  am  Ende  des  18.  Jahrhunderts ­
  Probleme  zu  lösen,  die  erst  ein  halbes  Jahrhundert  später,  infolge  der  Umformung ­
  der  Industrie  sich  einstellten,  Probleme,  die  sich  aus  den  neuen  Bedingungen
des  Kapitals  und  des  Lohnsystems  ergaben?  Würde  es  nicht  für  die  Männer  von  1789
und  1793  ein  sinnloses  Unternehmen  gewesen  sein,  sie  im  Voraus  regeln  zu  wollen?“
(Aulahd,  Ansprache  an  die  Studenten,  21.  April  1893).  Vgl.  auch  im  Kapitel  VIII
seiner  Histoire  politique  de  la  Revolution  (Paris,  1901)  den  Absatz  über:
Sozialismus.
Wie  man  weiß,  gab  es  jedoch  während  der  Revolution  eine  kommunistischsozialistische ­
  Lehre  und  sogar  eine  kommunistisch-sozialistische  Verschwörung,  die
des  Francois  Babeuf.  Aber  die  Ausnahme  bestätigt  hier  die  Regel,  denn  Babeuf,
obgleich  er  sich  selbst  den  damals  sympathischen  Namen  Cajus  Gracchus  beigelegt
hatte,  fand  unter  den  Männern  der  Konvention,  sogar  unter  denen  des  Berges,  keine
Anhänger,  so  daß  er  unter  dem  Direotoire  verurteilt  und  hingerichtet  wurde.  Diese
Verschwörung  Babedf’s  ist  gerade  deshalb  interessant,  weil  sie  wie  eine  Art  zu  früh
gekommenen  Protestes  des  revolutionären  Sozialismus  gegen  die  bürgerliche  Revolution
erscheint.  Vgl.  Aülahd  (op.  eit.)  S.  627  u.  ff.
J )  Ohne  von  den  berühmten  Utopien  Plato’s,  Thomas  Morus’  oder  Campanella’s
zu  sprechen,  haben  doch  eine  Reihe  Schriftsteller,  die  Lichtenberoer  eingehend
studiert  hat,  diese  Kritik  im  18.  Jahrhundert  unternommen.  Mobelly,  Mably,  Brissot
und  der  Cure  Mesmer  in  Frankreich,  Godwin  in  England  haben  energisch  gegen  das
Eigentum  Protest  erhoben.  Ihre  Theorien  sind  alle  von  Gkacchus-Babeuf  zusammengefaßt ­
  worden,  der  1796  das  Verbrechen,  die  Verwirklichung  der  Societe  des  Bgaux
angestrebt  zu  haben,  mit  dem  Tode  sühnte.  Aber  nicht  ihnen  haben  die  Saint-Simonisten
ihre  Gedanken  entnommen.  Der  Sozialismus  des  18.  Jahrhunderts  beruht  im  wesentlichen ­
  auf  dem  Gleichheitsgedanken;  was  ihn  am  meisten  entrüstet,  sind  die  Ungleichheiten ­
  der  Annehmlichkeiten  und  des  Wohlstandes  und  die  sozialen  Unterschiede,  für
die  er  das  Eigentum  verantwortlich  macht.  „Da  Alle  die  gleichen  Bedürfnisse  und
die  gleichen  Fähigkeiten  haben,  so  solle  es  auch  für  Alle  nur  eine  einzige  Erziehung,
eine  einzige  Nahrung  geben,“  sagt  das  Manifest  der  Gleichen  (manifeste  des
Egaux).  Die  Saint-Simonisten  geben  aber  weder  die  Gleichheit  der  Bedürfnisse  und
noch  weniger  die  der  Fähigkeiten  zu,  und  sie  wenden  sich  ganz  besonders  gegen
jede  Verwechslung  oder  Vermengung  mit  den  Anhängern  des  Landgesetzes  (Loi
^graire),  d.  h.  den  Babouvisten.  Ihr  Sozialismus,  der  sieh  auf  das  Recht  an  dem
integralen  Erzeugnis  der  Arbeit  gründet,  der  die  Entlohnung  in  Übereinstimmung
mit  den  Fähigkeiten  bringen  will,  ist  weder  gleichheitstrunken  noch  gieichmachend.
Was  die  sozialistischen  Ideen  ihrer  Zeitgenossen  anlangt,  die  eines  Fourier  in
b  rankreich,  eines  Thompson  und  Owen  in  England,  so  scheinen  sie  sie  nicht  gekannt
zu  bähen.  Enpantin  hat  die  Bücher  Fouribr’s  erst  ziemlich  spät  gelesen,  als  seine
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